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Venture Capital-Kultur

Deutschland bleibt Entwicklungsland

Forschungs- und wachstumsorientierte mittelständische Unternehmen beklagen oftmals einen Zugang zu ausreichenden Finanzierungsmöglichkeiten. Wie wichtig Venture Capital ist, beschreibt Herbert Schulte, Landesgeschäftsführer BVMW NRW. 

Herbert Schulte

Herbert Schulte, Landesgeschäftsführer BVMW NRW plädiert für eine Venture Capital-Kultur in Deutschland. Foto: BVMW

Deutschland wird seinen Ruf als Entwicklungsland in Sachen Risikokapital nicht so leicht los. Aber die Politik hat es in der Hand, Stellschrauben zu drehen, die neues Potenzial eröffnen.

Das Fundament einer florierenden Wirtschaft ist ein vitaler Kapitalmarkt. Gerade in Zeiten des digitalen Wandels kommt es in erheblichem Maße darauf an, Risikokapital zu mobilisieren. Die noch junge digitale Wirtschaft ist wesenhaft mittelständisch geprägt. Sie schafft Arbeitsplätze dort, wo alte Industrien niedersinken und füllt die ökonomische und soziale Vakanz mit neuen Jobs und Ausbildungsberufen. Doch fehlt es hierzulande oft an einem flexiblen Risikokapitalmarkt, der als Scharnier zwischen Investoren und Innovationsrealisierung am Markt fungiert und neben der notwendigen Risikobewertung auch die Chancen einer dynamischen Marktentwicklung transparent macht.

Das Silicon Valley macht es vor, wie das funktionieren kann: Hier arbeiten Geldgeber, Hochschulen, Start-ups und Medien Hand in Hand auf engstem Raume. Das „Tal der kurzen Wege“ ist so zu einem beispielhaften Inkubator für neue Ideen geworden, die aus einer ganz großen, alles überragenden Vision entspringen: Die Zukunft zu gestalten. Nur zum Vergleich: In den USA wurden von 2012 bis 2015 64 Milliarden Euro auf dem Venture Capital – Markt bewegt, in Deutschland waren es im selben Zeitraum gerade einmal zwei Milliarden Euro, wobei der Löwenanteil auf den Start-up-Standort Berlin fiel. Der deutsche Mittelstand wäre in der Lage, dieses Prinzip zu adaptieren. Vieles, was bereits heute funktioniert, ist selbstgetragen, finanziert aus dem Eigenkapital und dem Cashflow der Betriebe selbst.

Risikokultur überdenken

Das Problem liegt vielfach in der Struktur des Bankenmarktes begründet. Die Hausbank geht ins Risiko, wenn der Staat als Kreditausfallbürge zur Seite springt. Große Investitionen bleiben so allerdings auf der Strecke und manche gute Idee findet ihre Realisierung dann in Übersee. Zu selten finden Venture-Capital-Firmen den Weg zu deutschen Mittelständlern. Was wäre zu tun? Deutschlands Politik wäre gut beraten, eine  Debatte über die Risikokultur anzustoßen. Materiell sollte die Politik Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen der Betriebe steuerlich fördern. Es braucht auf der Seite der Mittelständler dringend weitere Anreize ins Risiko zu gehen und in eine offene Zukunft zu investieren. Der Gesetzgeber sollte diesen Sinneswandel mit einer Steuerrückerstattung eines Teils der FuE-Investitionen fördern und damit eine neue Risikokultur etablieren. Auch wäre es denkbar, Betrieben, die noch keine Gewinne erzielen, diese Prämie als Gutschrift für FuE zu erteilen. Ergänzend dazu könnte auf Unternehmensseite darüber nachgedacht werden, die steuerliche Förderung von Patentverwertungen in Form der sog. Patent-Box zu etablieren. Doch auch aus Investorensicht kann der Staat sein Steuerrecht auffrischen: In einem Roll-Over Verfahren wäre eine Steuerstundung für reinvestierte Gewinne denkbar, um mehr Kapital hierzulande zu mobilisieren.