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Start-up-Szene

Anders denken 

Etablierte Unternehmen und Gründer können viel voneinander lernen. Wie eine für beide Seiten nutzbringende Zusammenarbeit aussehen kann, zeigen die Kommunikationsagentur u+i interact und das Start-up margin.

Austausch auf Augenhöhe

Marek Lehmann, Geschäftsführer u+i interact, und die margin-Gründer René Tünnermann, Christof Elbrechter und Jonathan Maycock (v.l.). Foto: margin

Der Duft von Kaffee liegt in der Luft, lange Tischreihen mit Stühlen stehen in dem großen Raum, alle mit Laptops oder Notebooks bestückt, auf einigen Plätzen sitzen junge Menschen, die konzentriert auf ihren Bildschirm schauen. René Tünnermann, Gründer von margin, und Marek Lehmann, Geschäftsführer der Kommunikationsagentur u+i interact, haben sich in den mit Glaswänden abgetrennten Besprechungsraum zurückgezogen. Die beiden treffen sich regelmäßig im Pioneers Club, tauschen sich aus und besprechen ihr gemeinsames Projekt.
Für Lehmann sind es nur wenige Minuten bis zum inspirierenden Ort in der Bielefelder Altstadt. Der hier seit vergangenem Jahr existierende Coworking Space bringt mittelständische Unternehmen, Start-ups mit innovativen Geschäftsideen, digitale Experten und Kreative zusammen.
Marek Lehmann, der vor gut zehn Jahren sein Unternehmen mit Standorten in Bielefeld und Münster gründete, hat eine besondere Beziehung zur Start-up-Szene, der visionäre Spirit und Geist der Gründer begeistern ihn.
2016 lernte er René Tünnermann und seine beiden Partner Jonathan Maycock und Christoph Elbrechter bei der Eröffnung der Founders Foundation kennen. Die drei Jungunternehmer nutzten das besondere Umfeld des Start-up-Camps, um zu testen, ob sich ihre Idee in ein realistisches Geschäftsmodell umsetzen lässt: Mit der Entwicklung einer Handels-Software, mit der man Bitcoins und andere Kryptowährungen kaufen oder verkaufen kann, wollen die Gründer auf internationalen Märkten erfolgreich agieren.

Die einen sind erfahren, die anderen jung und schnell
Mittlerweile ist das junge Unternehmen wenige Meter weiter im Pioneers Club eingezogen, das Geschäft läuft, die Bielefelder verkaufen ihre Software bereits erfolgreich am Markt. Doch damit ist für die jungen Macher das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. „Wir haben erkannt, dass es sinnvoll ist, den Vertrieb der Software über eine Webplattform zu steuern. Die Frage war, entwickeln wir diese selbst oder beauftragen wir einen Spezialisten. Letztendlich ging es darum, so schnell wie möglich zu einer Lösung zu gelangen“, beschreibt Tünnermann die Herausforderung. Für sein junges Unternehmen, das sich zurzeit in einer frühen Finanzierungsphase befindet, sind Schnelligkeit und effizientes Arbeiten extrem wichtig. Der Kontakt zu u+i war ein Vorteil. Ein weiterer Pluspunkt – das Team um Marek Lehmann verfügt über Erfahrung und das notwendige Know-how in der Plattform-Technologie und weiß, worauf es hier ankommt. „Es geht darum, die eigene Webseite anders zu denken und sie als Vertriebskanal zu nutzen“, sagt Marek Lehmann. Erfahrungen haben die Bielefelder hier bereits bei arvato gewonnen, wo sie die technische Umsetzung des Frontends des Microsoft Stores erfolgreich realisierten.
Fünf Monate haben Lehmann und Tünnermann intensiv zusammengearbeitet, gemeinsam überlegt, welche Story auf der Plattform erzählt werden soll und wie die Inhalte präsentiert werden. „Neben der generellen Nutzbarkeit aus Usersicht, ist es wichtig, auch internationalen Kunden eine positive Kauferfahrung zu bieten. Außerdem haben wir das CI, Logo und die Payment-Funktionen weiterentwickelt“, zeigt sich der Informatiker zufrieden. „Es ist ideal, einen Partner vor Ort zu haben, der uns auf Augenhöhe begleitet und zudem über die Flexibilität verfügt, die für uns enorm wichtig ist. Bei uns geht es um Schnelligkeit, mit dem Risiko, bisher Entwickeltes wieder über den Haufen zu werfen und neu zu beginnen“, verrät der junge Gründer. Er ist froh, dass die erste Phase jetzt weitgehend abgeschlossen ist, im zweiten Schritt stehen nun die Skalierung und der Vertrieb der Software als Subscription-Version auf der Agenda.
Für Marek Lehmann ist das Projekt mehr als nur ein Auftrag, es ist eine Bereicherung und ein weiterer Meilenstein für die Etablierung eines digitalen Ökosystems in der Region. „Ich bin beeindruckt von der Denktiefe und Denkweise, die wir gemeinsam auf Augenhöhe für das Projekt entwickeln konnten. Wir haben eine Menge gelernt, sind tiefer in die Prozesse eingedrungen und können diese Erkenntnisse für neue Projekte gewinnbringend nutzen“, zieht der Digitalexperte eine positive Bilanz.
Es sei spannend, mit einem Start-up in der Region zu kooperieren und das Thema Zusammenarbeit komplett anders zu denken. „Hier geht es nicht um eine Kunden-Dienstleister-Beziehung, in der viel Zeit für die Erstellung des Lastenheftes investiert und in mühsamen Prozessen das Projekt letztendlich umgesetzt wird. Heute kommt es darauf an, intensiv in agilen Prozessen zu denken und zu handeln, um schneller zu Ergebnissen zu gelangen“, so Lehmann. Er schätzt die strukturelle Herangehensweise von Start-ups und ist überzeugt, dass auch gestandene Unternehmen davon profitieren, wenn sie ein Stück weit von Start-ups lernen. „Wenn wir schnell sein wollen, müssen wir andere Wege gehen. Das macht neue Organisationsformen und -strukturen notwendig. Start-ups gestalten sich ihre Prozesse so wie sie sie brauchen. Das macht sie so flexibel und erfolgreich“, so Lehmann.
margin ist nicht das einzige Start-up, das der Bielefelder begleitet. Das besondere Umfeld der Gründerszene hat Marek Lehmann inspiriert, auch andere Start-ups zu begleiten oder sich finanziell an ihnen zu beteiligen, wie jüngst in Lemgo.
„Unsere Region ist bekannt für ihre hervorragende Ingenieurskunst, ergänzt um ein digitales Expertentum, können wir für die Zukunft eine ganze Menge bewegen. Das passende Umfeld ist bereits da: Der Pioneers Club ist ein perfekter Ort, hier können die Mentalitäten von Mittelständlern und Start-ups sich vermischen und zu einem Kulturwandel beitragen. Davon profitiert die Region.

Dass es funktioniert, zeigt die erfolgreiche Kooperation von Marek Lehmann und René Tünnermann. Disziplin und gegenseitiges Vertrauen waren für beide Partner die entscheidenden Kriterien der Zusammenarbeit. Zum gemeinsamen Austausch und der Weiterentwicklung der Plattform werden sie auch künftig die Köpfe zusammenstecken.