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    Interview – Regionale Unterschiede im Gründungsgeschehen

    „Spezifische Rahmenbedingungen befördern die Gründungsneigung“

    Dr. Rosemarie Kay, stellvertretende Geschäftsführerin des IfM Bonn, über die regionalen Unterschiede im Gründungsgeschehen und welche Bedeutung Unternehmensgründungen für die Stärkung des Wirtschaftsstandortes haben.

     

    m&w: Welche Gründe lassen sich dafür anführen, dass seit etwa zwei Jahren die Existenzgründungen leicht zugenommen haben?

    Dr. Rosemarie Kay, stellvertretende Geschäftsführerin des IfM Bonn: „Gründungen können sich positiv auf das Wirtschaftswachstum und damit auch indirekt auf die Attraktivität einer Region auswirken.“ Foto: IfM

    Dr. Rosemarie Kay: Wir beobachten in der Tat in jüngster Zeit wieder eine leichte Zunahme der Existenzgründungen. Ob damit die Talsohle durchschritten ist oder sich der langjährige Abwärtstrend noch weiter fortsetzen wird, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Denn wir sehen, dass die Anzahl der gewerblichen Existenzgründungen weiterhin rückläufig ist. Der Rückgang im gewerblichen Bereich wird jedoch mittlerweile durch den Anstieg der Anzahl der Gründungen in den Freien Berufen überkompensiert: Allein im vergangenen Jahr stieg die Anzahl der freiberuflichen Existenzgründer um 5.900 auf 94.700 Personen.
    Dieser Anstieg beruht im Kern auf dem seit Jahrzehnten anhaltenden Trend zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft (Stichwort: Tertiarisierung). Zur Tertiarisierung hat unter anderem der Outsourcing-Trend beigetragen, der sich auch auf die Freien Berufe auswirkt: Neben einzelnen Produktionsstufen wurden und werden häufig auch wissensorientierte Dienstleistungen ausgegliedert. Überdies hat sich der Gesundheitssektor erheblich ausgeweitet, in dem rund 30 Prozent aller selbstständigen Freiberufler angesiedelt sind. Angesichts dessen, dass der Trend zum Hochschulstudium weiter anhält und Hochschulabsolventen – insbesondere in den Freien Berufen – eine überdurchschnittliche Gründungsneigung haben, erwarten wir für die Zukunft einen weiteren Anstieg der freiberuflichen Gründungen.

    m&w: Die Gründungsintensität in den Regionen NRWs ist recht divergent. Warum bestehen so große Unterschiede zwischen den Regionen Rhein/Ruhr und Westfalen?

    Dr. Rosemarie Kay: Regionale Analysen des Gründungsgeschehens zeigen, dass spezifische Rahmenbedingungen die Gründungsneigung befördern. Solche günstigen Voraussetzungen finden sich in stärkerem Maße in sogenannten Metropolregionen – wie die entlang des Rheins – als in eher ländlich geprägten Räumen – wie Westfalen. Zu denken wäre dabei unter anderem an ein hohes Nachfragepotenzial, ein großes Angebot an Fachkräften, eine bessere Infrastruktur und angebots- und nachfrageseitige Impulse, die von bereits etablierten großen Arbeitgebern, der öffentlichen Hand oder Hochschulen ausgehen.

    m&w: Was können die Regionen bzw. die Verantwortlichen vor Ort noch besser machen, um die Gründungsaktivitäten zu fördern?

    Dr. Rosemarie Kay: Je wirtschaftsfreundlicher die Rahmenbedingungen in einer Region sind, desto mehr wirkt sich dies auf den Erfolg der jeweiligen Gründungsaktivitäten aus. Dabei ist nicht nur eine gut ausgebaute Infrastruktur hilfreich, sondern auch beispielsweise eine personell optimal ausgestattete öffentliche Verwaltung, in der die Anträge der Unternehmen zeitnah bearbeitet werden.

    m&w: Würde es Gründern leichter fallen, wenn sie einen besseren Zugang zu etablierten Unternehmen finden bzw. mit ihnen kooperieren könnten?

    Dr. Rosemarie Kay: Ja. Allerdings gilt dies nur für bestimmte Arten von Gründungen, an denen auch die etablierten Unternehmen ein Interesse haben. Dies sind üblicherweise die sogenannten Start-ups, also innovative Gründungen mit Potenzial zu schnellem Wachstum. In einer Studie haben wir vor kurzem die Standortfaktoren verschiedener Gründungsregionen untersucht. Dabei konnten wir zeigen, dass etablierte Unternehmen nicht nur als Vorbilder wichtig sind, sondern auch durch ihr Engagement und ihre Netzwerke den Neugründungen zu mehr Sichtbarkeit verhelfen können: Dabei spielt es keine Rolle, ob sie mit den jungen Unternehmern kooperieren oder als Investor bzw. Berater fungieren.

    m&w: Welche Bedeutung haben Unternehmensgründungen für die Stärkung eines Wirtschaftsstandorts und für die Attraktivität einer Region?

    Dr. Rosemarie Kay: Gründungen können sich positiv auf das Wirtschaftswachstum und damit auch indirekt auf die Attraktivität einer Region auswirken – eine hohe Anzahl an Gründungen bedeutet aber nicht automatisch, dass sich auch das Wirtschaftswachstum überdurchschnittlich entwickelt. In einer Studie haben wir kürzlich aufgezeigt, dass in Regionen mit einem eher schwach ausgeprägten Gründungsgeschehen zusätzliche Gründungen größere Wachstumsimpulse auslösen können. In Regionen mit einem bereits starken Gründungsgeschehen verpufft die Wirkung zusätzlicher Gründungen hingegen weitestgehend. Hier beobachten wir dann aufgrund des hohen Wettbewerbsdrucks eine stärkere Verdrängung etablierter Unternehmen oder den häufigen Austritt der Neugründungen aus dem Markt.

    m&w: Welchen Stellenwert hat die Qualität der Gründung auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Region?

    Dr. Rosemarie Kay: Einen sehr hohen: So können wenige, qualitativ gute bzw. innovative Neugründungen die wirtschaftliche Entwicklung einer Region mehr beflügeln als zahlreiche Neugründungen, die qualitativ weniger gut sind. Wir empfehlen daher, vor allem die Qualität neuer Unternehmen in den Fokus zu stellen – und nicht unterschiedslos Gründungsförderung zu betreiben.