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    Interview mit Vera Wiehe

    „Der Kulturwandel hat begonnen“

    Seit Jahren wird über die relativ geringe Zahl weiblicher Führungskräfte diskutiert. Zu Recht: Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass Frauen immer noch unterrepräsentiert sind, wenn es um Führungsverantwortung in Unternehmen geht. Vera Wiehe, Projektleitung Frauen und Wirtschaft bei der WEGE, über die gezielte Rekrutierung und Förderung begabter Frauen und wie wichtig das Hinterfragen alter Rollenbilder ist.

    Vera Wiehe, Projektleitung Frauen und Wirtschaft bei der WEGE: „Eine gendersensible Rekrutierung ist ein wichtiger Baustein, um Frauen zu zeigen, dass sie im Unternehmen willkommen sind.“
    Foto: WEGE

    M&W: Frau Wiehe, weibliche Chefs sind in Deutschland noch immer eine Minderheit. Der Anteil von Frauen in Führungspositionen liegt bei etwa 22 Prozent, laut einer Untersuchung von Deloitte. Wie sieht es in Bielefeld/ in der Region aus?

    Vera Wiehe: Wir haben bereits 2015 konstatiert: Der Kulturwandel zu mehr Frauen in Führung hat begonnen. Nach einer von der KfW im März 2017 veröffentlichten Studie stagniert der Anteil der von Frauen geführten kleinen und mittleren Unternehmen bei 18 Prozent. Die kleinen Unternehmen setzen danach stärker auf Frauen an der Spitze als der Mittelstand. Das liegt zum Teil auch an den Inhabern oder Geschäftsführern, die aufgrund persönlicher Kontakte und dem Wissen um die Kompetenzen der eigenen Töchter immer häufiger die Potenziale von Frauen erkennen. Ein positiver Trend lässt sich auch in der Unternehmensnachfolge beobachten: Immer häufiger übernehmen Frauen den elterlichen Betrieb. In der Region finden sich sehr gute Beispiele, die zeigen, wie Frauen in verschiedensten Branchen ihrer Aufgabe als Führungskraft gerecht werden und wie sie selbstbewusst ihren Weg gehen.
    Das heißt jedoch nicht, dass wir uns entspannt zurücklehnen können. Der Kulturwandel hat begonnen. Es ist unsere Aufgabe ihn weiterzuführen, so dass am Ende mehr Geschlechtergleichberechtigung steht.

    Woran liegt es, dass immer noch zu wenige Frauen in kleineren und mittleren Unternehmen Führungsverantwortung übernehmen? Trauen sich Frauen zu wenig zu oder fehlen ihnen die Qualifikationen?

    Vera Wiehe: Mangelnde Qualifikation ist sicherlich nicht der Grund. Wir hatten noch nie so viele hochqualifizierte Frauen wie heute und es werden auch künftig weitere heranwachsen. Das Problem liegt woanders. Nicht alle Unternehmen haben Frauen als Führungskräfte im Blick. Die Auswahl von Bewerbern erfolgt häufig nach dem Prinzip, wie ähnlich eine Person dem jeweiligen Entscheidungsträger ist. Wirft man einen Blick auf die Inhalte von Stellen-Ausschreibungen oder die Situation in den Gesprächen, lässt sich feststellen, dass Frauen oftmals nicht wirklich willkommen sind.
    In der Tat gibt es Frauen, die sich bestimmte Führungspositionen nicht zutrauen. Sie zweifeln an sich selbst und fragen sich, ob sie den Herausforderungen gewachsen sind. Und sie denken bereits einen Schritt weiter. Was geschieht, wenn die Familiensituation akut wird? Nicht zuletzt ist die immer noch vorherrschende Gender Pay Gap ein Grund dafür, dass Frauen sich um die Kinder kümmern und zu Hause bleiben, weil sie oft weniger verdienen als die Männer. Obwohl einige Unternehmen heute bereits Angebote für mehr Familienfreundlichkeit schaffen, ist das Thema Beruf und Familie immer noch ein Karrierekiller.
    Wir haben in den letzten Jahren verstärkt für mehr Familienfreundlichkeit geworben und Unternehmen ausgezeichnet, die sich hier besonders hervorheben. Es ist wichtig, die Gesamtrealität im Blick zu behalten. Wir müssen uns dafür einsetzen, dass es sogenannte Familienarbeitszeiten gibt und die Chancen von Männern und Frauen gleich verteilt sind. Das ist jedoch eine gesellschaftliche Aufgabe, deren Umsetzung noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Der drohende Fachkräftemangel könnte hier einen positiven Impuls setzen. Unternehmen werden langfristig nicht umhinkommen, ihren Fachkräftebedarf ohne das weibliche Know-how zu befriedigen und ihnen auch Angebote zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu machen.

     Eine Studie von Deloitte hat herausgefunden, dass Unternehmen mit hohem weiblichen Beschäftigungsanteil und mehr Frauen in Führungspositionen generell erfolgreicher sind? Können Sie das bestätigen?

    Vera Wiehe: Das kann ich weder bestätigen noch verneinen. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass gemischte Teams erfolgreicher als homogene sind, weil hier die unterschiedlichen Kompetenzen viel besser genutzt werden können. Fakt ist jedoch, je mehr weibliche Beschäftigte in einem Unternehmen tätig sind, desto weniger spielt der Sonderstatus Frau überhaupt eine Rolle.

    Aus Ihrer Erfahrung: Können Sie feststellen, dass Unternehmen noch mehr tun müssen, um sich frauenfreundlicher darzustellen und so für Frauen als Arbeitgeber attraktiver zu sein?

    Vera Wiehe: In der Tat gibt es noch Einiges zu tun. Wir müssen Vorbilder für Frauen schaffen, um ihnen zu zeigen, dass es erfolgreiche weibliche Führungskräfte gibt. Das Mentoring ist ein wichtiger Ansatz, insbesondere zur persönlichen und beruflichen Förderung von Nachwuchskräften. Ein Instrument, auf das Männer im Übrigen schon seit vielen Jahren setzen. Unternehmen sind außerdem gut beraten, wenn sie eine größere Sensibilität gegenüber der Genderansprache entwickeln und dieses zum Beispiel bei der Stellenausschreibung berücksichtigen.

    Welche Aktivitäten sind zu empfehlen, um sich als Arbeitgeber insbesondere für Frauen zu positionieren?

    Vera Wiehe: Eine gendersensible Rekrutierung ist ein wichtiger Baustein, um Frauen zu zeigen, dass sie im Unternehmen willkommen sind. Bei Bewerbungen sollten Personaler nicht unterschiedliche Maßstäbe setzen, sondern mit objektiven Strategien die Gespräche und den Auswahlprozess führen. Es ist an der Zeit, die alten Rollenbilder in den Köpfen aufzuarbeiten.

    Wie können Unternehmen mit technischen Berufsbildern für Frauen attraktiver werden?

    Vera Wiehe: Eine offensive Werbung für technische Berufsfelder ist ein erster wichtiger Schritt, der parallel mit einer Gleichbehandlung beider Geschlechter einhergeht. Ich befürchte jedoch, dass hier noch dicke Bretter gebohrt werden müssen. Außerdem ist Engagement auf verschiedenen Ebenen gefragt. Neben den Unternehmen, kommt auch den Schulen und dem Elternhaus mit seiner Vorbildfunktion eine wichtige Aufgabe zu.

    Kontext

    Die Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft Bielefeld mbH (WEGE), die Gleichstellungsstelle der Stadt Bielefeld und das Kompetenzzentrum Frau und Beruf OWL haben vor einigen Jahren die Kampagne „Mehr Frauen in Führung – so geht´s“ ins Leben gerufen, um die Thematik stärker in den Fokus zu rücken. Neben Gesprächen mit Unternehmen und der Präsentation von Frauenförderstrategien, bietet die WEGE auch Mentoringprogramme und verschiedene Veranstaltungsformate an.