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    Interview mit Dr. Sebastian Vogt

    Gemeinsam profitieren 

    Dr. Sebastian Vogt, Geschäftsführer des Technologietransfer- und Existenzgründungs-Centers der Universität Paderborn (TecUP), über etablierte Unternehmen und Gründer und warum sie voneinander lernen können. 

    Dr. Sebastian Vogt

    Dr. Sebastian Vogt: „Über Start-ups gewinnen etablierte Unternehmen Einblicke in die Szene, können sich Erfindergeist „hinzukaufen“ und zukunftsweisende Entwicklungen frühzeitig erkennen.“ Foto: TecUP

    Ob beim Thema Finanzen, in der Energiebranche, im Gesundheitswesen oder im Handel: Start-ups sind heute in allen Branchen aktiv. Sie sind innovativ, schnell, agil und frech – doch die große Mehrheit der Unternehmen lässt sie links liegen. Woran liegt das?
    Dr. Sebastian Vogt: Eine aktuelle Studie des Digitalverbands Bitkom besagt, dass lediglich 14 Prozent der Unternehmen ab 20 Mitarbeitern gezielt mit Start-ups zusammenarbeiten, um gemeinsam neue Produkte oder Dienstleistungen zu entwickeln. Immerhin acht Prozent der Unternehmen würden sich finanziell an Start-ups beteiligen, um so von der Innovationskraft und Flexibilität der Jungunternehmen zu profitieren. Die Gründe, warum Unternehmen hierzulande die starke Innovationskraft von Start-ups teilweise noch immer links liegen lassen, sind wohl vielfältiger Natur: Zum einen müssen Unternehmen in der heutigen Zeit mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten auf verschiedenen Märkten agieren und die Fähigkeit besitzen, gleichzeitig effizient und flexibel zu sein. Starre Organisationsstrukturen und lange Entscheidungswege können etablierte Unternehmen jedoch unflexibel machen. Start-ups hingegen sind risikobereit – sie handeln nicht nach „Schema F“ und starten mit kleinen Teams, was sie agil und kreativ macht. Start-ups sind disruptiv und können existierende Strukturen und Geschäftsmodelle durchbrechen. Das kann auf etablierte Unternehmen jedoch auch beängstigend wirken – vor allem dann, wenn die agilen Vorgehensweisen der Start-ups auf die oft starren Strukturen der etablierten Unternehmen prallen. Zum anderen befinden wir uns aktuell in einer hervorragenden Wirtschaftslage. Die Auftragsbücher sind voll und die vorhandenen Personalressourcen ausgelastet. Gerade in kleinen und mittleren Unternehmen kann dies schnell zu personellen Engpässen führen, so dass es den Unternehmen schlichtweg an den nötigen Kapazitäten fehlt, um eine gezielte Zusammenarbeit mit Start-ups aufzunehmen.
    Als wichtigsten Grund nennt die Bitkom-Studie jedoch, dass es Unternehmen schlichtweg am Zugang zu Start-ups fehle. Hier sind wir mit unserer Paderborner Initiative „garage33“ die richtige Anlaufstelle, indem wir Freiraum für Gründer und Unternehmer gleichermaßen bieten.

    Von welchen Methoden, Arbeitsweisen oder Problemlösungsansätzen können sich denn etablierte Unternehmen noch „eine Scheibe abschneiden“, wenn es gilt, die digitale Transformation voranzubringen?
    Dr. Sebastian Vogt: Die digitale Transformation ist Chance und Herausforderung zugleich: Start-ups können die nötige Schubkraft in etablierte Unternehmen bringen und sich als wertvolle Entwicklungspartner herausstellen. Start-ups können zu einer Steigerung der Innovationsfähigkeit im Unternehmen führen, indem sie sich fortwährend an die Bedürfnisse des Marktes und der Zielgruppe anpassen. Etablierte Unternehmen sollten sich zumindest projektbezogen Elemente des „Lean-Start-up-Ansatzes“ bewahren und nicht zu lange konzipieren. In Deutschland, so scheint es, sind wir häufig das Opfer unserer eigenen Perfektion. So werden Produkte und Dienstleistungen erst dann in den Markt überführt, wenn sie vollkommen ausgereift sind und unserem Perfektionsverständnis entsprechen. Start-ups agieren hier anders, da sie schnell Prototypen auf den Markt bringen und diese direkt am Kunden validieren und testen. Auf diese Weise kann agil auf Kundenwünsche reagiert werden, ohne dass horrende Kosten anfallen.

    „Etablierte Unternehmen können durch die Zusammenarbeit mit Start-ups oft deutlich schneller agieren und im Idealfall auch eine gewisse Start-up-Mentalität in die eigene Belegschaft überführen.“

    Aus Sicht nicht weniger Experten scheitere die digitale Transformation vieler Unternehmen derzeit nicht an den technischen Kompetenzen ihrer Mitarbeiter. Vielmehr identifizieren sie mangelnde Führungskompetenzen vieler Vorgesetzter bis in die obersten Konzernebenen als wesentlichen Grund. Ist das auch eine Ursache dafür, dass die etablierten Unternehmen immer noch viel zu wenig den Kontakt zu den „Neuen“ suchen?
    Dr. Sebastian Vogt: Die Bedeutung der Digitalisierung wird von vielen Unternehmenslenkern noch immer nicht vollumfänglich erkannt. Dies belegt auch eine Studie der Digitalberatung „etventure“, wonach in nicht einmal der Hälfte der Unternehmen das Thema Digitalisierung zur Chefsache ernannt ist.
    Die gezielte Zusammenarbeit zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups ist jedoch auch eine strategische Entscheidung, die vor allem durch die oberste Führungsebene eines Unternehmens getragen und vor dem Hintergrund der Digitalisierung zielgerichtet unterstützt werden sollte.
    Auf Managementebene der etablierten Unternehmen ist die fehlende Unterstützung oder das mangelnde Verständnis und Vertrauen für die Zusammenarbeit mit Start-ups daher oftmals ein zentrales Problem. Führungskräfte, die diese strategischen Entscheidungen zu delegieren versuchen, verspielen unter Umständen die Chancen, welche sich durch die Zusammenarbeit mit Start-ups – vor dem Hintergrund der digitalen Transformation – ergeben. Denn über Start-ups gewinnen etablierte Unternehmen Einblicke in die Szene, können sich Erfindergeist „hinzukaufen“ und zukunftsweisende Entwicklungen frühzeitig erkennen. Um Trends nicht zu verpassen, braucht es ein offenes Mindset, sowohl auf Führungs-, als auch auf der Mitarbeiterebene.

    Stichwort Unternehmenskultur: Noch mehr als technische Lösungen braucht es eine neue Sichtweise auf die Art der Arbeit. Wie lässt sich eine digitale Unternehmenskultur etablieren, die sich mehr am Mitarbeiter orientiert?
    Dr. Sebastian Vogt: Eine Anfang dieses Jahres erschienene Studie des Netzwerks für digitale Gesellschaft „Initiative D21“ zeigt auf, dass sich die Mehrheit der Deutschen von der digitalen Transformation überfordert fühlt und sich innerlich bereits ausgeklinkt hat.
    Diese Entwicklung verdeutlicht die Mammut-Aufgabe, mit welcher sich Personalverantwortliche in den Unternehmen derzeit konfrontiert sehen. Mit der Digitalisierung fallen Grenzen – eine digitale Unternehmenskultur lässt sich nur durch Transparenz und ein offenes Mindset etablieren. Es gilt die Menschen mitzunehmen, Ängste abzubauen und Chancen für die individuellen Entwicklungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufzuzeigen. Menschen, die Angst vor der Digitalisierung entwickeln und beispielsweise befürchten, dass der eigene Arbeitsplatz in Gefahr ist, werden kaum dazu beitragen, digitale Innovationsprozesse innerhalb des Unternehmens voranzutreiben.
    Vor diesem Hintergrund kommt dem Slogan – Lebenslanges Lernen – eine besondere Bedeutung zu. Unternehmenslenker sollten, sofern sie es noch nicht getan haben, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Mittelpunkt der Digitalisierungsstrategie stellen und durch geeignete Qualifizierungsangebote ihre Belegschaft dahingehend befähigen, die Digitalisierung als persönliche Entwicklungschance zu begreifen.

    Sowohl etablierte Unternehmen als auch Start-ups verspielen riesige Chancen, wenn sie nicht häufiger und enger zusammenarbeiten, ist die Meinung vieler Experten. Welches Potential schlummert hier?
    Dr. Sebastian Vogt: Das Potential ist enorm. Durch eine gezielte Zusammenarbeit kann Erfindergeist oft schneller und kostengünstiger in konkrete Produkte und Dienstleistungen überführt werden. Etablierte Unternehmen können durch die Zusammenarbeit mit Start-ups oft deutlich schneller agieren und im Idealfall auch eine gewisse Start-up-Mentalität in die eigene Belegschaft überführen. Bestenfalls profitieren somit beide Seiten durch einen schnelleren Wachstumsschub der Innovationen.
    Das Problem ist jedoch, dass viele Gründerinnen und Gründer zwar eine innovative Idee haben, es den meisten von ihnen jedoch an Kapital oder dem passenden Marktzugang fehlt. Demgegenüber stehen Unternehmen, die von der Innovationskraft der Start-ups profitieren möchten. Ihnen wiederum fehlt, gemäß der Bitkom-Studie, vor allem ein Zugang zu den jungen Start-up Unternehmen. Genau hier setzt das Technologietransfer- und Existenzgründungs-Center der Universität Paderborn (TecUP) an: Wir verstehen uns als Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Wissenschaft und haben konkrete Angebote, um diesem Missstand entgegenzutreten.

    Welchen Beitrag kann Ihre Initiative leisten, damit es vor Ort zu einem intensiveren Austausch zwischen etablierten Unternehmen und Gründern kommt?
    Dr. Sebastian Vogt: Unsere Angebote sind vielfältig und bieten Kontaktpunkte auf unterschiedlichsten Ebenen. Im Testumfeld der „garage33“ können mittelständische Unternehmen gemeinsam mit „jungen Wilden“, also Studierenden, Doktoranden und Gründern aus der Universität Paderborn in kurzen Intervallen neue Produkte, Prozesse und Geschäftsmodelle entwickeln und testen. Die Unternehmen haben in der „garage33“, die vom Technologietransfer- und Existenzgründungs-Center der Universität Paderborn (TecUP), betreut wird, die Möglichkeit, mit unternehmens- und branchenfremden Querdenkern in Kontakt zu treten, um so von den Ideen, Techniken und vor allem dem Gründergeist der Start-ups zu profitieren. So bietet das TecUP in Kooperation mit mittelständischen Unternehmen aus der Region etwa die sogenannten „Disrupt Workshops“ an – hierzu sind Studierende aller Fachbereiche eingeladen, zusammen mit Unternehmensmitarbeitern an zwei intensiven Workshop-Tagen disruptive Innovationen zu entwickeln.
    Außerdem ist es durch das 2017 initiierte „Business Angels Netzwerk“ in Ostwestfalen-Lippe (BAN.OWL) nun möglich, privatwirtschaftliche Investoren der Region und Start-ups optimal zu vernetzen, um Gründungsunternehmen den Zugang zu Wagniskapital zu erleichtern und somit das Start-up-Ökosystem nachhaltig zu stärken.
    Im gemeinsam durch die Universitäten Paderborn und Bielefeld sowie der Hochschule-OWL und FH-Bielefeld aufgelegten „InnovationslaborOWL“ werden sogenannte Markt-Mentoren an Start-ups vermittelt. Hierbei handelt es sich um Unternehmerinnen und Unternehmer, welche aktuell keine finanzielle Beteiligung an einem Start-up anvisieren, jedoch Kontakt zu Gründerinnen und Gründern suchen und zugleich unternehmerisches Know-how und Marktzugänge für Jungunternehmen einbringen.

    Weitere Informationen: www.tecup.de

    KONTEXT
    Das Technologietransfer- und Existenzgründungs-Center der Universität Paderborn (TecUP) setzt sich seit 2014 für die Sensibilisierung des Themas Existenzgründung ein und versteht sich als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Jungen kreativen Köpfen werden hier Wege in die Selbstständigkeit aufgezeigt – durch die Lehre an der Universität Paderborn, durch Events und Workshops sowie durch individuelles Coaching. Im Freiraum der garage33 setzt TecUP nicht nur auf eine gute Vernetzung und den Austausch von Gründern und gestandenen Unternehmern, sondern auch auf den Zugang zu Wagniskapital.