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    Gebäudetechnik

    Digitalisierung im Gebäudebereich ist mehr als Smart Home

    Etwa 40 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs fielen 2015 in Deutschland auf die Beheizung, Warmwasserbereitung, Beleuchtung und Kühlung in Gebäuden. 37 Prozent dieses Gebäudeendenergieverbrauchs fallen wiederum in Nichtwohngebäuden an, wie der aktuelle Gebäudereport der Deutschen Energie-Agentur dena zeigt.

    Günther Mertz

    Günther Mertz: „Unternehmen sollten nicht nur aus ökologischen, sondern vor allem aus wirtschaftlichen Gründen in ihre Heizungs-, Klima- und Lüftungstechnik investieren.“ Foto: BTGA

    Unabhängig von politischen und ordnungsrechtlichen Vorgaben treiben sowohl Kostendruck als auch technologische Neuerungen die Erschließung von Energieeffizienzpotenzialen schon seit mehreren Jahren voran. Die Erwartungen der Gebäude- und Anlagenbetreiber an Kosteneinsparung, Nachhaltigkeit und Energieeffizienz sind gestiegen. Dafür bietet moderne, innovative Gebäudetechnik vielfältige Lösungen und individuelle Konzepte.

    Modernisierungsstau im Gebäudebereich
    Nationaler Aktionsplan Energieeffizienz (NAPE), Effizienzstrategie Gebäude (ESG), Klimaschutzplan 2050, Grünbuch Energieeffizienz, Entwurf des Gebäudeenergiegesetzes – all diese ambitionierten und hochgesteckten politischen Ziele und Maßnahmen haben bisher nicht dazu geführt, den enormen Modernisierungsstau im Gebäudebereich endlich aufzulösen. Vor allem in Nichtwohngebäuden gibt es immer noch enorme Energieeffizienzpotenziale. Für Investoren sind Effizienzargumente, die mit Kosteneinsparungen verbunden sind, oft ein weitaus überzeugenderes Argument als der Klimaschutz. Unternehmen sollten deshalb nicht nur aus ökologischen, sondern vor allem aus wirtschaftlichen Gründen in ihre Heizungs-, Klima- und Lüftungstechnik investieren und nicht erst dann aktiv werden, wenn Anlagen defekt sind oder wenn es der Gesetzgeber vorschreibt. Moderne und gut gewartete Anlagen stellen auch ein gesundes Raumklima sicher, das wiederum zu motivierten, gesunden und leistungsfähigen Mitarbeitern führt.
    Von den 20,7 Millionen Heizungsanlagen im Gebäudebestand in Deutschland sind heute nur 18 Prozent effizient und nutzen erneuerbare Energien. 63 Prozent sind unzureichend effizient und modernisierungsbedürftig – ein großer Teil der Heizungen ist weit über zwanzig Jahre alt. Mit modernen Brennwertkesseln in Kombination mit solarthermischen Anlagen lassen sich Energieeinsparpotenziale von bis zu 40 Prozent erschließen. Gerechnet auf den veralteten deutschen Anlagenbestand könnten rund 15 Prozent des deutschen Endenergieverbrauchs eingespart werden, wenn die veralteten Anlagen auf den Stand der Technik gebracht würden.

    Die Digitalisierung bietet großartige Möglichkeiten, die Energieeffizienzpotenziale im Gebäudesektor zu erkennen und auszuschöpfen.

    Wie im Wärmebereich gibt es auch bei der in Deutschland installierten Klima- und Lüftungstechnik beträchtliche Energieeinsparpotenziale: Die Klimaanlagen in Nichtwohngebäuden sind durchschnittlich 25 Jahre alt. Viele von ihnen arbeiten ineffizient. Wärmerückgewinnungssysteme, effiziente, bedarfsgeregelte Ventilatoren und innovative Gebäudeautomation könnten hier eine Menge Energie einsparen. Die Wärmerückgewinnung ist eine entscheidende Effizienztechnologie im Gebäudesektor: 2013 wurden in Deutschland mit diesem Verfahren allein in Nichtwohngebäuden rund 20,1 TWh Wärme zurückgewonnen, wodurch umgerechnet 5,83 Millionen Tonnen CO2 eingespart wurden. Zum Vergleich: Wärmepumpen, Solar- und Geothermie stellten 2013 im gesamten Gebäudebereich zusammen lediglich rund 24,8 TWh an regenerativer Wärme bereit.
    Wärmeverluste durch Fensterlüftung machen in einem durchschnittlichen Gebäude rund 35 bis 38 Prozent der gesamten Wärmeverluste aus – in Niedrigstenergiegebäuden wie Passiv- oder KfW-Häusern sogar über 50 Prozent.

    Energieaudits lassen Einsparpotenziale erkennen
    Alle Unternehmen, die nicht unter die EU-Definition für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) fallen, sind seit 2015 verpflichtet, mindestens alle vier Jahre ein Energieaudit durchzuführen. Nicht-KMU sind von der Pflicht zur Durchführung eines Audits befreit, wenn sie ein Energiemanagementsystem nach DIN ISO 5001 oder ein Umweltmanagementsystem nach EMAS einrichten. Ein Energieaudit ist die systematische Erfassung und Analyse von Energieeinsatz, -verbrauch und -kosten in Unternehmen und umfasst auch Vorschläge zur Steigerung der Energieeffizienz. Allerdings sind die Unternehmen nicht verpflichtet, diese Maßnahmenvorschläge auch umzusetzen. Das kann schnell dazu führen, Energieaudits als lästige Pflicht abzutun. Unternehmen sollten jedoch die Chance nutzen, dass durch ein solches Audit die eigenen Energieeinsparpotenziale besser erkannt werden können und so in gezielte Maßnahmen investiert werden kann.

    Digitalisierung des Gebäudebereichs
    Die Digitalisierung bietet großartige Möglichkeiten, die Energieeffizienzpotenziale im Gebäudesektor zu erkennen und auszuschöpfen. Ein Energiemonitoring kann dazu dienen, Energie im Gebäude effizienter zu nutzen: Durch eine automatisierte und digitalisierte Überwachung von Energieverbräuchen im Gebäude und eine daran anknüpfende Optimierung des Betriebs der Anlagentechnik (Systemtemperaturen, Aufheizzeiten, Pumpenlaufzeiten, Regelungsalgorithmen usw.) kann gegenüber dem weitgehend nicht überwachten Betrieb in erheblichem Maße Energie eingespart werden.
    Digitalisierung im Gebäudebereich ist mehr als „Smart Home“: Die Etablierung der Methode „Building Information Modeling (BIM)“ kann dazu beitragen, die Energieeffizienz und den bestimmungsgemäßen Betrieb gebäudetechnischer Anlagen transparenter darzustellen. Im Idealfall werden bei BIM von Beginn an Betreiber und Nutzer eines Gebäudes einbezogen, so dass deren Bedürfnisse frühzeitig Berücksichtigung finden. Dadurch kann vermieden werden, dass es im späteren Betrieb zu gravierenden Abweichungen im Vergleich zum vorausberechneten Energieverbrauch kommt.
    Außerdem lässt sich durch BIM frühzeitig das im Betrieb notwendige Energiemonitoring einbinden und von Beginn an auf die Anlagentechnik abstimmen und anpassen. Bereits während der Grundlagenermittlung und Vorplanung kann ein Konzept mit allen Beteiligten erstellt werden. In der Betriebsphase dient es den Nutzern dann als Nachweis, dass die gebäudetechnischen Anlagen optimal betrieben und die Planungswerte und Ausschreibungseigenschaften erreicht werden.

    Autor Günther Mertz ist Hauptgeschäftsführer des BTGA – Bundesindustrieverband Technische Gebäudeausrüstung e.V..

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