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    Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz

    „Es bedarf klarer Leitplanken“

    Dr. Klaus Große, Vorstand Ressort Gesundheit im VDSI – Verband für Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz bei der Arbeit e.V. , über den Wandel am Arbeitsplatz, neue Herausforderungen und wie sich gesundes Arbeiten gestalten lässt.

     Unsere Arbeitswelt wird von neuen technologischen Entwicklungen, die eine zunehmende Digitalisierung und Vernetzung ermöglichen, geprägt. Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auch auf den Arbeitsplatz der Mitarbeiter?

    Dr. Klaus Große: „Arbeits- und Gesundheitsschutz muss fest in der Unternehmenskultur verankert werden.“      Fotografie Ralf Bauer, Köln

    Dr. Klaus Große: Der Begriff „4.0“ ist allgegenwärtig. Assoziiert werden autonome Roboter und selbstfahrende Autos, die in den wenigsten Unternehmen gelebte Realität sind, sodass sich viele Betriebe davon nicht betroffen fühlen. Noch gibt es nirgendwo eine 100-prozentige Realisierung im kompletten Arbeitsprozess. Aber fast alle Betriebe stecken schon mittendrin in der 4.0-Entwicklung. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf den Arbeitsplatz der Mitarbeiter. Das beginnt schon bei der täglichen beruflichen und privaten Nutzung von Smartphones, die weit mehr als nur mobile Telefone sind.
    Digitalisierung ermöglicht in vielen Berufen, dass wir unabhängiger von Ort und Zeit arbeiten können. Arbeitsprozesse werden noch effizienter und produktiver. Durch die Digitalisierung wird auch der Arbeitsplatz bzw. das Unternehmen in der Organisationsstruktur unabhängiger. Starre und standardisierte Arbeitsorganisation war gestern. In Zukunft wird Arbeit von selbstbestimmtem Handeln und indirekter Steuerung geprägt sein. Auswirkungen sind beispielsweise Vertrauensarbeitszeit für alle Beschäftigten sowie eine täglich freie Arbeitsplatzwahl im Unternehmen, das sog. „Desk-Sharing“. Daneben kann Arbeit an den konkreten Bedarf der Beschäftigten angepasst werden. Ich denke da an Pflege von Angehörigen oder auch Kinderbetreuung.
    Diese neue Art der Unternehmenssteuerung bringt sowohl Vorteile für Beschäftigte, wie mehr Autonomie und Selbstbestimmung in der Arbeitsplanung, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, als auch für das Unternehmen, wie die Steigerung der Produktivität. Allerdings muss der Arbeitnehmer Aufgaben selbstständig planen, einteilen und ausführen, denn Unternehmen räumen den Beschäftigten ein hohes Maß an individuellen Handlungsspielräumen ein. So lernt man mit Risiken umzugehen. Natürlich sind leistungsfähige mobile Endgeräte und flächendeckendes Internet für diese Szenarien die Voraussetzung.

    Können Sie an einem konkreten Beispiel festmachen, wo mögliche Gefahren und gesundheitliche Risiken liegen, wenn es beispielsweise um die Flexibilisierung der Arbeitszeiten geht?

    Dr. Klaus Große: Durch die Flexibilisierung der Arbeitszeit hat der Arbeitnehmer viel mehr Autonomie. Die Arbeitsplanung ist selbstbestimmt. Nicht jeder mag die neugewonnene Handlungs- und Entscheidungsfreiheit. Die selbstständige Planung der Arbeit erfordert durchaus ein gutes Maß an Selbstdisziplin. Gleichzeitig sind wir durch die neuen Medien ständig erreichbar. Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit wird immer fließender. Das kann als belastender Faktor gesundheitliche Folgen mit sich bringen. Psychische Belastungen sind bereits heute einer der häufigsten Gründe für Fehltage. Da die digitalen Technologien eine Zunahme von zeit- und ortsunabhängiger Arbeit ermöglichen, ist zu erwarten, dass sich die Anzahl der auf Distanz zusammenarbeitenden Menschen stark erhöhen wird. Das betrifft den Außendienstmitarbeiter genauso wie Büroarbeitsplätze. Zusätzlich werden sich aufgrund von Projektarbeit und flexibleren Arbeitsformen bisher nicht bekannte Tätigkeiten und Berufsgruppen entwickeln, bei welchen Führung auf Distanz eine relevante Führungsform sein wird. Das kann auch zu Überforderung führen.

    Und wo liegen die Herausforderungen, wenn es um den Einsatz neuer Technologien und technischer Möglichkeiten geht?

    Dr. Klaus Große: Das ist ein sehr breites Feld. Grundlegend ist die Akzeptanz der neuen Technologien durch die eigenen Mitarbeiter. Ich sehe hier das Führungspersonal in der Pflicht, um eine geeignete Akzeptanzbereitschaft zu generieren. Eine große Herausforderung ist der Zugriff auf Anlagen von außen. Das Thema Safety und Security wird in der Arbeitswelt 4.0 immer bedeutender. Security wird bereits eingesetzt, zum Beispiel in der Elektrosicherheit zum Schutz vor Cyberangriffen, die den sicheren Betrieb von Anlagen bedrohen.

    Wie sieht es diesbezüglich mit der Arbeitsschutzgesetzgebung aus?

    Dr. Klaus Große: Das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) ist ein verlässlicher Partner. Die Schutzziele sind definiert und bleiben gültig. Etwas kritischer sehe ich da die Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten – diese müssen klarer definiert werden. In einer Arbeitswelt 4.0 brauchen wir einen Arbeitsschutz 4.0. Das fordern wir als VDSI bereits seit längerem.

    …wird sie den neuen Herausforderungen, die eine flexible Arbeit mit sich bringt, gerecht?

    Dr. Klaus Große: In Zukunft werden wir aller Voraussicht nach eine höhere Zahl von Freiberuflern und Solo-Selbstständigen haben, die im digitalen Umfeld tätig sind. Das Arbeitsschutzgesetz gilt ausschließlich für Beschäftigte von Arbeitgebern. Das heißt – Gefährdungsbeurteilungen sind für Freiberufler und Solo-Selbstständige nicht vorgesehen. Zu empfehlen ist, dass der Arbeitgeber bei der Beauftragung von nicht angestellten sowie Personen in anderen alternativen Beschäftigungsformen Hinweise für eine gute Arbeitsgestaltung gibt. Das liegt auch im unternehmerischen Interesse. Störungen im Arbeitsablauf werden vermieden und die Leistungsbereitschaft und Produktivität der Betroffenen kann zugleich erhöht werden. Arbeitssicherheit lohnt sich immer.

    Arbeits- und Gesundheitsschutz muss Chefsache sein, fordern die Experten – doch wie sieht die Praxis aus, wo brauchen Führungskräfte mehr Unterstützung, um ein betriebsspezifisches Arbeitsschutzsystem aufzubauen?

    Dr. Klaus Große: Ich stimme Ihnen voll und ganz zu. Arbeits- und Gesundheitsschutz muss fest in der Unternehmenskultur verankert werden. Die Managementebene muss ihrer Vorbildfunktion gerecht werden und eine gute Vertrauensbasis zu den Beschäftigten aufbauen. Von großer Bedeutung ist es, seine Mitarbeiter wertzuschätzen und diese in den Prozess miteinzubeziehen. Dafür sorgen u.a. Mitarbeiterbefragungen oder Arbeitsgruppen, wenn entsprechende Maßnahmen folgen, die gefordert werden. Jeder Mitarbeiter ist ein Experte für seinen eigenen Arbeitsplatz und sollte dazu angeregt werden, seine eigenen Ideen einzubringen. In der Praxis werden Sicherheit und Gesundheit nicht immer gelebt. Ich empfehle jedem Unternehmen, bei Fragen zur Unterstützung seine Fachkraft für Arbeitssicherheit zu fragen.

    Wie lässt sich gesundes Arbeiten gestalten?

    Dr. Klaus Große: Ganz wichtig ist natürlich eine gelebte Praxis! Die Beschäftigten sollen eigenverantwortlich im Rahmen der Regelungen handeln. Das funktioniert natürlich nur, wenn klare Leitplanken bestehen. Dafür brauchen wir eine Gefährdungsbeurteilung. Sie ist ein gutes Instrument, um Belastungen und Gefährdungen zu identifizieren und entsprechende Maßnahmen daraus abzuleiten. Sie stellt ein Hilfsmittel dar, um Arbeitsverfahren und Arbeitsplätze so zu gestalten, dass technische und organisatorische Mängel verringert oder beseitigt werden. Die Mitarbeiter haben so die notwendigen Kompetenzen für sicheres und gesundheitsgerechtes Arbeiten. Gleichzeitig bildet sie die Basis für einen wirksamen Arbeitsschutz zur Verhütung von arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren, Unfällen bei der Arbeit und für eine menschengerechte Arbeitsgestaltung.

    Wie können mögliche Präventionsmaßnahmen zur Sicherung des Unternehmenserfolgs sowie der Gesundheit der Mitarbeiter aussehen?

    Dr. Klaus Große: Neben der Gefährdungsbeurteilung eignet sich als Einstieg eine Sicherheitsbegehung oder die Benennung von Sicherheitsbeauftragten sowie Brandschutzhelfern sehr gut. Auch ein Konzept für ein betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) sollte implementiert werden. Ratsam ist auch ein Budget zur sofortigen Beseitigung von Mängeln.

     

    Kontext

    Der 1951 gegründete VDSI ist deutschlandweit der größte Fachverband für Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz bei der Arbeit. Zu den rund 5.600 Mitgliedern zählen Fachkräfte aus unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern und Branchen. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierte und vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) begleitete Projekt Prävention 4.0 untersucht die Auswirkungen der Veränderungen auf Führung, Organisation, Gesundheit und Sicherheit bei der Arbeit. Ziel des Projekts ist es, Handlungshilfen und ein Selbstbewertungsinstrument im Thema 4.0 für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) zu entwickeln. Weitere Informationen: www.praevention40.de