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    Arbeiten mit künstlicher Intelligenz

    Zu dicht am Menschen?!

    Dr. Urs Ruf von der Technologieberatungsstelle beim DGB NRW e. V., über Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz aus Sicht der Beschäftigten.

    Dr. Urs Ruf: „Die psychische Beanspruchung der Beschäftigten nimmt in dem Maße zu, wie die Technik dichter an den Menschen heranrückt und alle sinnlichen Ebenen anspricht.“ Foto: TBS

    Beinahe täglich wird in den Medien über neue spektakuläre Erfolge der künstlichen Intelligenz (KI) berichtet. Die Möglichkeiten der Technik scheinen nahezu unbegrenzt: selbstlernende Algorithmen entdecken eigenständig eine dem Menschen ungemein ähnliche Fortbewegungsart auf zwei Beinen. Ein Sprachassistent ist bei der Reservierung eines Tisches im Restaurant nicht von seinem menschlichen Gegenüber zu unterscheiden. In der Analyse von Röntgenbildern können die Elektronengehirne bereits heute Routineanalysen schneller und in größerer Zahl durchführen, als jeder Radiologe. Dieses bedrohliche Bild einer dem Menschen überlegenen künstlichen Intelligenz verblasst hingegen, wenn die Technik nicht in der Lage ist, scheinbar einfache Aufgaben zu meistern. So identifizierte beispielsweise eine Google Bilderkennung eine schwarze Frau als „Gorilla“. Und in der Praxis unterlaufen der Steuerung autonomer Fahrzeuge schwerwiegende Fehler.

    Künstliche Intelligenz als Black Box

    Ursache dieser widersprüchlichen Situation ist, dass künstliche Intelligenz mit Hilfe neuronaler Netze auf vergleichbare Weise lernt wie der Mensch. Anders als dem Menschen fehlen KI-Systemen aber viele weitere Fähigkeiten und Kenntnisse. Der Erfahrungsschatz der KI beruht ausschließlich auf den digitalisierten Informationen, die dem System zum „Lernen“ zur Verfügung gestellt wurden bzw. den Mustern, die die Technik darin erkannt hat.
    Solange die Ergebnisse dieses Prozesses unsere Erwartungen treffen, gehen wir davon aus, dass die Systeme vergleichbar zum Menschen funktionieren und folglich „intelligent“ sind. Ein Blick hinter die Kulissen dieser Black Box nährt Zweifel an dieser Einschätzung. Forscher des Fraunhofer Heinrich Hertz Instituts in Berlin fanden beispielsweise heraus, dass eine Software zur Erkennung von Zügen diese vorrangig aufgrund von Schienen auf den Bildern erkannte. In einem anderen Fall war ein in den Bildern enthaltenes Copyright Zeichen ausschlaggebend für die Entscheidungsfindung. Die Beispiele zeigen, wie trügerisch die Vermutung einer gegenüber dem Menschen fehlerfreien künstlichen Intelligenz sein kann.
    In den Unternehmen erfolgt der Einsatz künstlicher Intelligenz bislang vor allem begrenzt auf spezialisierte Anwendungen. Versicherungen entscheiden über Schadensregulierungen in der vollautomatisierten „Dunkelverarbeitung“. Die Inhalte von Filmen werden mit Hilfe künstlicher Assistenten in Text überführt und die handelnden Personen verschlagwortet. Fortgeschrittene Systeme ermöglichen eine automatisierte Berichterstattung zu Sportereignissen in Echtzeit. Neue Einsatzfelder liegen beispielsweise in der Analyse des Verhaltens von Kunden im Einzelhandel und im Personalwesen. Hier soll künstliche Intelligenz Bewerbungen analysieren und damit die Personalauswahl unterstützen. Noch weiter gehen Systeme, die Persönlichkeitsprofile von Menschen bereits anhand von wenigen Minuten Sprachaufzeichnung erstellen sollen. Die Beispiele zeigen, die Einsatzmöglichkeiten künstlicher Intelligenz sind breit gefächert. Sie reichen von der Steuerung von Gütern und Waren in der Logistik bis hin zu Aufgaben, die, wie telefonische Bewerbungsgespräche, ausschließlich dem Menschen vorbehalten waren.

    Den Einsatz von KI im Betrieb gestalten

    Der Einsatz künstlicher Intelligenz eröffnet wie andere Formen der Digitalisierung umfassende Möglichkeiten zur Rationalisierung und damit dem Abbau von Beschäftigung. Wie sich dies für Bildredakteure, Fußballkommentatoren, LKW-Fahrer oder Radiologen auswirkt, ist dabei derzeit noch offen. Wahrscheinlich ist, dass Routinetätigkeiten dort entfallen, wo der Einsatz digitaler Technologien gegenüber der menschlichen Arbeitskraft profitabel ist. Eine entscheidende Frage für die Zukunft der Beschäftigung ist, wie diese Rationalisierungsgewinne genutzt werden. Die Entlastung der Radiologen von Routinetätigkeit kann beispielsweise dafür genutzt werden, die Information und Betreuung der Patienten zu verbessern. Ebenso schaffen die Steuerung und Weiterentwicklung der KI-Systeme neue Aufgaben und damit Beschäftigung. Diese fordern jedoch deutlich veränderte Qualifikationen auf Seiten der Beschäftigten. Inwieweit für die Beschäftigten durch die künstliche Intelligenz Chancen entstehen, wird Folge der Entscheidungen sein, wofür und wie die Technik eingesetzt wird.

    Im Mittelpunkt der Gestaltung dieser neuen Schnittstellen von Mensch und Technik muss dabei der Mensch stehen

    Ein wichtiges Ziel beim Einsatz künstlicher Intelligenz ist die Vereinfachung der Steuerung von Prozessen und Abläufen. Die Fahrassistenz soll den Fahrenden entlasten, die automatische Bilderkennung den Wachdienst über kritische Ereignisse informieren. Im Ergebnis entsteht bei den Menschen, welche die Systeme nutzen, häufig das Gegenteil, nämlich Stress. Die Ursachen hierfür können vielfältig sein. Zu nennen sind u.a. eine mögliche Informationsflut, fehlendes Know-how zur Einschätzung der Informationen oder die Zunahme zeitgleich zu überwachender optischer, akustischer und haptischer Informationsquellen.
    Die psychische Beanspruchung der Beschäftigten nimmt in dem Maße zu, wie die Technik dichter an den Menschen heranrückt und alle sinnlichen Ebenen anspricht. Eine in Umgangssprache funktionierende Sprachsteuerung eines technischen Systems verringert die gegenüber einem klassischen Arbeitsgerät bestehende emotionale Distanz. Dreidimensionale Visualisierungen betrieblicher Prozessdaten in Echtzeit führen zu anderen psychischen Beanspruchungen als tägliche Statusberichte auf Papier.
    Im Mittelpunkt der Gestaltung dieser neuen Schnittstellen von Mensch und Technik muss dabei der Mensch stehen. In der Nutzung der künstlichen Intelligenz muss diese als ein Werkzeug kenntlich bleiben, das vom Menschen für die eigenen Zwecke eingesetzt und gesteuert wird.

    Ethische Gestaltungsanforderungen

    Künstliche Intelligenz eröffnet Einsatzmöglichkeiten, die lange Zeit als ausgeschlossen galten. Die Verfügbarkeit gewaltiger Rechenkapazitäten durch Cloud-Dienste ermöglicht es selbst kleinsten Unternehmen ohne eigene IT-Infrastruktur auf nahezu unbeschränkte KI-Ressourcen zugreifen zu können. Deutlich wird der Bedarf einer allgemeinen ethischen Regulierung des Einsatzes künstlicher Intelligenz an zwei weiteren Faktoren. Zum einen können mit künstlicher Intelligenz alle Arten Daten analysiert und bewertet und damit Rückschlüsse auf Persönlichkeitsmerkmale und Personen getroffen werden. Zum anderen bleibt das Problem, dass die konkrete Funktionsweise der Algorithmen sich einer direkten Prüfung und Kontrolle entzieht. Zahlreiche Beispiele aus bestehenden KI-Systemen belegen, dass diese mitnichten neutrale Bewertungen treffen. Vielmehr übernehmen und verstärken die Algorithmen häufig benachteiligende Entscheidungsmuster aus den zum Anlernen genutzten Daten oder entwickeln eigenständig willkürliche Entscheidungskriterien.
    Der Einsatz künstlicher Intelligenz eröffnet vielfältige Chancen zur Gewinnung neuer Kenntnisse und Verbesserung von Produktion und Arbeit. Gleichzeitig entstehen damit erhebliche Anforderungen an die Sicherung von Beschäftigung, die ergonomische Gestaltung der Schnittstelle von Mensch und Technik. Hier liegt ein wichtiges Aufgabengebiet für Unternehmensleitungen, betriebliche Interessenvertretungen, die Gewerkschaften und den Arbeitsschutz.
    Jenseits der betrieblichen Ebene sind klare Rahmenbedingungen für den Einsatz künstlicher Intelligenz erforderlich. Der Schutz der Persönlichkeitsrechte ist gerade beim Einsatz von KI-Systemen sicherzustellen. Mit dem Artikel 22 der EU Datenschutzgrundverordnung besteht hier erfreulicherweise eine klare rechtliche Vorgabe. Entscheidungen zu Lasten einer Person, welche allein auf automatisierten Prozessen beruhen, sind demnach nicht zulässig. Dies in der Praxis umfassend umzusetzen, bleibt eine Herausforderung. Nicht zuletzt sind weitere ethische Aspekte des Einsatzes von künstlicher Intelligenz zu klären. Verzerrungen in den Entscheidungen von Algorithmen müssen systematisch untersucht und abgestellt werden. Dazu muss die Überprüfbarkeit und Transparenz verbessert werden. Zahlreiche Anbieter von KI-Technologie sind hierzu bereits aktiv. Klare Kriterien und damit letztlich auch Vertrauen gegenüber der Technologie können hingegen nur ein rechtlicher Rahmen und eine wirksame unabhängige Kontrolle schaffen.