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    Arbeit 4.0 – Entwickeln und gestalten

    Zwischen Mensch und Maschine: Für viele ist die Diskussion um das Hype-Thema „Arbeit 4.0“ zu abstrakt. Foto: pixabay

    Was bedeutet die Digitalisierung der Arbeitswelt für das Unternehmen und seine Mitarbeiter? Das Projekt „Arbeit 4.0 – Lösungen für die Arbeitswelt der Zukunft“ unter der Leitung von OWL Maschinenbau hat einen besonderen Ansatz. Hier wird der Blick auf den Menschen gelegt.

    „Es geht uns um die aktive Einbindung in den Entscheidungsprozess, um so den digitalen Wandel gemeinsam fair zu gestalten und die Akzeptanz auf individueller sowie organisationaler Ebene sicherzustellen“, beschreibt Hanna Rammig von der ScMI AG. Das Paderborner Unternehmen ist einer der Projektpartner, dessen Aufgabe es war, verschiedene Szenarien zur Arbeitswelt 4.0 zu entwickeln.
    Diese entstanden ohne Einbeziehung von Wahrscheinlichkeiten aus der logischen Kombination verschiedener treibender Größen. Für alle diese Treiber – die sogenannten Schlüsselfaktoren – wurden denkbare Entwicklungsmöglichkeiten entworfen und anschließend systematisch verknüpft. Die so entstehenden Szenarien sind in sich schlüssig und widerspruchsfrei, dabei aber sehr unterschiedlich. Um sich zukunftsrobust auf die Veränderungen der Arbeitswelt in OWL einstellen zu können, wurden sechs alternative Szenarien beschrieben.

    „Bei der Erarbeitung der Szenarien ist uns aufgefallen, dass es noch zahlreiche Unsicherheiten und offene Fragen gibt. Vielen Mitarbeitenden, aber auch vielen Menschen in Führungsverantwortung ist die Diskussion um „Arbeit 4.0“ zu abstrakt. Sie wollen wissen, was sich konkret verändert, und was sie selbst tun können oder sogar tun müssen, um den Anschluss nicht zu verpassen. Die wichtigste Erkenntnis ist, dass die Digitalisierung nicht für jedes Unternehmen gleich aussieht“, beschreibt Hanna Rammig die Problematik.

    Auch die Bewertung der Szenarien durch Unternehmer, Arbeitnehmer sowie Vertreter von Wissenschaft und Bildungsinstitutionen ergab ein unklares Bild.  So werde ein deutlich steigender Digitalisierungsgrad erwartet, wobei das Ausmaß und die Auswirkungen noch unklar seien. „Der Grad der Unterstützung bis hin zur Substitution menschlicher Arbeit ist unsicher. Das liegt zum einen an dem Entwicklungsstand der Technologie, die sich immer noch rasant verändert. Zum anderen sind Quantität und Qualität der Veränderungen des Arbeitslebens vielfach noch gestaltbar“, so Hanna Rammig. Vor allem auch die nicht-technischen Auswirkungen des digitalen Wandels haben Unternehmen weitgehend selbst in der Hand, ebenso gebe es offene Fragen wie: Ist physische Anwesenheit am Arbeitsplatz noch notwendig? Welche Konsequenzen hat das orts- und zeitunabhängige Arbeiten auf Organisationen? Welche Kompetenzen müssen bei den Mitarbeitenden gefördert werden, um digital und kollaborativ produktiv arbeiten zu können? Und welche Lebenszeitmodelle und Karrierepfade sind in der Zukunft denkbar?

    „Die Bewertungen lassen den Schluss zu, dass die Region für die Veränderungen durch die Digitalisierung gut aufgestellt ist. Die Innovationskraft wird als gegenwärtig hoch eingestuft und ebenso begrüßt. Positiv ist, dass mit einem Fortbestand dieser hohen Innovationskraft gerechnet wird“, so Rammig.

     

    Nachgefragt

     „Es sind die Menschen, die Innovationen vorantreiben“

    Der Weg der Digitalisierung ist vielfältig und sieht in jedem Unternehmen anders aus. Wie die Fischer Panda GmbH mit Sitz in Paderborn diese Herausforderung angeht.

    „Möglichkeiten, die Prozesse zu digitalisieren, gibt es in den verschiedensten Unternehmensbereichen, in der Produktion ebenso wie in der Kommunikation und der Führung. Die Frage ist jedoch, an welchen Stellen, welche Instrumente hilfreich sein können. Wo unterstützen digitalisierte Prozesse und wo belasten sie eher?“, sagt Jens Adami von der Fischer Panda GmbH, weltweit bekannter Hersteller von Dieselgeneratoren sowie Hybrid- und Antriebssystemen für mobile Marine- und Fahrzeuganwendungen und Teilnehmer des Projektes „Arbeit 4.0“. Ebenso ungeklärt sei, wie sich unterschiedliche Maßnahmen und Change-Prozesse in Umsatz und Ergebnis auswirken?

    Gemeinsam mit SCMI hat der Mittelständler die Bereiche Arbeitsprozesse, Kommunikation und Führung unter die Lupe genommen und dabei die vorher ermittelten Szenarien einbezogen. „Für diese Analyse haben wir die erwartete Zukunft für die Region mit dem Ist-Zustand in unserem Unternehmen abgeglichen. Daraus haben sich folgende Fragen ergeben: Ist die allgemein erwartete Zukunft auch unser Ziel-Zustand oder wollen wir uns bewusst anders aufstellen? Wie weit ist der Ziel-Zustand von unserem Ist-Zustand entfernt? Was müssen wir tun, um zum Ziel-Zustand zu kommen?“, fasst Jens Adami zusammen. Der anschließende Workshop mit Mitarbeitern aus verschiedensten Unternehmensbereichen und unterschiedlich langer Zugehörigkeit brachte die Erkenntnis, „dass Digitalisierung um jeden Preis nicht die Lösung sei. Es sind die Menschen, die die Entwicklungen und Innovationen vorantreiben und sich derer bedienen und nicht umgekehrt. Ohne zufriedene, offene und interessierte Mitarbeiter kann die digitale Transformation nicht oder nur schwerlich stattfinden. Technologische Unterstützung soll nur dort eingesetzt werden, wo sie die Mitarbeiter entlastet und einen Mehrwert stiftet. Die strategische Stoßrichtung der Differenzierung ist für uns essentiell wichtig. In allem Handeln stehen der Kunde und seine Bedürfnisse im Fokus und diese Kunden sind keine Automaten, Diagramme oder digitale Gestalten“, sagt Jens Adami, der sicher ist, dass Innovationen Überzeugungskraft benötigen. Wenn am Ende aber der Vorteil sichtbar werde, müsse man die alten Wege verlassen.

    Großes Potenzial durch eine digitale Unterstützung haben die Paderborner zum Beispiel in der Lagerlogistik, der Montage und im Service festgestellt, was in einem Forschungsprojekt mit der Universität Bielefeld vertieft werden soll. Große Effizienzgewinne erhofft man sich durch die Implementierung einer Datenbrille. In anderen Bereichen sind Lösungen für mehr Zukunfts-Festigkeit ganz pragmatisch, die aus der Implementierung disziplin- und unternehmensübergreifender Teams innerhalb des Unternehmens bestehen. „Bei der Konkretisierung der Ziele in Maßnahmen stellte sich schnell heraus, dass es in vielen Bereichen sinnvoll ist, hierarchieübergreifende Teams zusammenzustellen. Es zählt oft weniger, an welcher Position die Team-Mitglieder arbeiten als die Frage, welches Wissen sie mitbringen“, sagt Jens Adami. Dabei seien nicht nur berufsbedingte Qualifikationen und Kompetenzen interessant, sondern auch persönliche Interessen und besondere Fertigkeiten aus dem Privatleben könnten zur Problemlösung beitragen. Wichtig sei die Lösungsorientierung, die Kommunikationsstärke und Offenheit sowie die Motivation der Mitarbeiter, den Prozess mitzugestalten.

    „Die Möglichkeit, die Arbeitswelt der Zukunft in unserem Unternehmen mitzugestalten, stößt auf viel Zustimmung. Das Interesse aktiv mitzuwirken, ist groß. Nur so können wir für die Digitalisierung der Zukunft gewappnet sein, und dabei den Menschen nicht vergessen. Auf diese Weise entstehen auch künftig Innovationen, neue Produkte und Fortschritt“, so Jens Adami.

    Szenarien zur Arbeitswelt der Zukunft

    Szenario 1:
    OWL wird abgehängt – Unangepasste Arbeitswelt im Digitalisierungs-Wettlauf

    Digitalisierung steht allgemein mit hoch entwickelter IT zur Verfügung, prägt somit eine auf Technologie und nicht auf die Mitarbeitenden fokussierte Unternehmenskultur und beeinflusst die Gesetzgebung wesentlich. OWL ist jedoch im Digitalisierungs-Wettlauf abgehängt – in der zukunftsorientierten Ausrichtung der Wirtschaft, der Bildung und Qualifikation sowie in der industriellen Produktion hat die Region den Anschluss verloren. Die Informations- und Kommunikationstechnologie wird hier zwar simpel genutzt, aber nicht verstanden – bei Arbeitsprozessen und in der Arbeitsgestaltung werden die neuen Möglichkeiten nicht intelligent genutzt und sind nicht auf die Beschäftigten ausgerichtet. In den Arbeitsinhalten sowie der Wertschätzung durch die Unternehmen in der Region finden die Mitarbeitenden keine Erfüllung. Ausgleich bieten die Flexibilisierung von Arbeitszeit und -ort sowie geringe Lebenshaltungskosten in OWL.

    Szenario 2:
    OWL stagniert – Standardisierte Arbeitswelt im Automatisierungsumfeld

    Die Grenzen der Digitalisierung sind erreicht – es besteht allgemeine Stagnation, und alles ist gesetzlich angemessen geregelt. Digitalisierung schafft keine zusätzliche Wertschöpfung. In Ostwestfalen-Lippe sieht es nicht besser aus: Der stagnierende Status Quo der Technologie kann nicht besser als anderswo genutzt werden. Regionale Initiativen wie „It‘s OWL“ führen nicht zu Wettbewerbsvorteilen der Region. Deshalb schottet sich OWL eher ab und fokussiert sich auf sich selbst. Zusätzliche Wertschöpfung in Form von Effizienzvorteilen wird durch weitere Automatisierung erzielt. Dies führt zu geringer Agilität, geringer Flexibilität und hoher Standardisierung. Dadurch ist der Spielraum für innovative Arbeitsgestaltung und -modelle gering. Das Arbeiten in der Region OWL ist wenig attraktiv, denn einzelne Mitarbeitende zählen in der automatisierten Arbeitswelt wenig. Lediglich die geringen Lebenshaltungskosten sprechen für den Standort.

    Szenario 3:
    OWL setzt auf vorhandene Stärken – Wertegetriebene Arbeitswelt fokussiert die Ressource Mensch

    Die Digitalisierung scheint doch nicht „the next big thing“ für alle zu sein. Der hohe Ressourcenaufwand führt dazu, dass die Möglichkeiten der Digitalisierung nicht genutzt werden, obwohl die Bereitschaft da wäre. Der bestehende Entwicklungsstand ist „state of the art“ in OWL und wird durch die eingeschränkte und arbeitsmarktorientierte Bildungslandschaft manifestiert, so dass die Region wettbewerbsfähig bleibt. Hiesige Unternehmen leben eine wertegetriebene und traditionelle Unternehmenskultur und sehen ihre einzelnen Mitarbeitenden als wertvolle Ressource, sodass sie diese in ihrem beruflichen Umfeld individuell fördern. Diese Mitarbeiterorientierung kann in Zeiten unrentabler technologischer Lösungen den entscheidenden Wettbewerbsvorteil bringen. Die so entstehende enge Bindung zum Unternehmen führt durch traditionelle, eher starre Strukturen zu einer gewissen Zufriedenheit der sich beruflich selbst verwirklichenden Beschäftigten.

    Szenario 4:
    OWL im globalen Wettrennen – Digitalisierte Arbeitswelt verdrängt den Menschen

    Die breite und hoch entwickelte Digitalisierung treibt die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung voran, wozu der liberale gesetzliche Rahmen beiträgt. Die Region ist vorne dabei und stellt sich mit intensiv genutzten Möglichkeiten der neuen Technologien wettbewerbsfähig und zukunftsorientiert auf.
    Traditionelle Berufsfelder lösen sich auf – ein Algorithmus berechnet das beste Fitting zwischen Unternehmensbedarf und „Menschenmaterial“ und jeder Einzelne wird danach passgenau ausgebildet. Der Wertschöpfungsprozess durch Mensch und Maschine gelingt, wenn auch nicht immer: Im Zweifel entscheiden sich Unternehmen für technologische Lösungen, um in schnelllebigen Zeiten den Anschluss nicht zu verlieren, denn wer diesen Wandel nicht schafft, ist Verlierer im globalen Wettrennen. Die Menschen gehen größtenteils mit und passen sich der veränderten Arbeitswelt an, auch wenn sie grundsätzlich wissen, dass sie gegen die neuen Technologien nur zweiter Sieger sein können. Teamwork und soziale Interaktion spielen im beruflichen Umfeld keine große Rolle mehr.

    Szenario 5:
    OWL als Leuchtturm – Agile regionale Arbeitswelt im digitalen Umfeld

    Der Digitalisierung sind kaum Grenzen gesetzt – als Motor von Innovationen schafft sie neue Wertschöpfung in allen Bereichen des Lebens. Die liberale Gesetzgebung unterstützt dies. OWL hat die Zeichen der Zeit frühzeitig erkannt und ist weltweit erfolgreich als Taktgeber in Sachen intelligenter technischer Systeme. Die Unternehmen nutzen die Digitalisierung für neue Wertschöpfung, den damit verbundenen größtmöglichen Unternehmenserfolg sowie flexible Arbeitsgestaltung und -modelle. Die Menschen verwenden die neue digitale Freiheit, um ihre Arbeit und ihre Lebenskonzepte in der attraktiven Leuchtturm-Region OWL im Sinne der Selbstverwirklichung persönlich zu gestalten.

    Szenario 6:
    OWL geht eigene Wege – Menschenzentrierte Arbeitswelt in innovativer Region

    Die Digitalisierungsgeschwindigkeit hat abgenommen, denn es zeigt sich, dass Technologie als alleiniger Treiber die Wirtschaft und die Gesellschaft nicht voranbringt. Die Region hat verstanden, dass die Digitalisierung nicht der alleinige Erfolgsfaktor im Standortwettbewerb sein kann und setzt bewusst auf die Re-Regionalisierung, inhaltliche Neuausrichtung sowie individualisierbare Bildungskonzepte. Unternehmen sind ohne zusätzliche örtliche und zeitliche Freiräume der Digitalisierung und mit Fokus auf die Innovationskraft und die eigene Arbeitsmotivation der Mitarbeitenden erfolgreich. Die hohe Wertschätzung, die menschenzentrierte Arbeitswelt und das innovative und veränderungsbereite Umfeld führen zu neuen Lösungen für eine individuell erfüllende Arbeitswelt über die stagnierenden Möglichkeiten der Digitalisierung hinaus.

    Kontext

    Die Szenarien wurden ohne Einbeziehung von Wahrscheinlichkeiten aus der logischen Kombination verschiedener treibender Größen entwickelt. Für alle diese Treiber – die sogenannten Schlüsselfaktoren – wurden denkbare Entwicklungsmöglichkeiten entworfen und anschließend systematisch verknüpft. Die so entstandenen Szenarien sind in sich schlüssig, also widerspruchsfrei, dabei aber sehr unterschiedlich. Weitere Informationen: www.scmi.de