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Weidmüller

Herkulesaufgabe Digitalisierung auf gutem Wege

Die Digitalisierung greift in alle Bereiche von Unternehmen ein, auch in ihr kulturelles Selbstverständnis. Erfolgsentscheidend ist neben der digitalen Technologie die Wandlungsfähigkeit von Unternehmen. Der Elektrotechnikspezialist Weidmüller vollzieht die digitale Transformation schrittweise und steigert dabei Performance und Kundennutzen. 

Carsten Nagel

Carsten Nagel: „Um die Mitarbeiter bei wichtigen Themen abzuholen, veranstaltet Weidmüller zusätzlich zwei Innovationstage im Jahr, bei denen sich alle Mitarbeiter über die neusten Entwicklungen informieren können.“

Am Standort in Detmold sind die Weichen in Richtung Digitalisierung von Arbeits- und Produktionsprozessen schon seit Längerem gestellt. In einigen Unternehmensbereichen haben digitale Technologien bereits einen großen Platz eingenommen. Mit knapp 90 Prozent liegt die Verwaltung vorn, in der Produktion haben die Lipper einen Digitalisierungsgrad von etwa 60 Prozent erreicht. Tendenz weiter steigend. „Wir arbeiten hier an mehreren Technologieprojekten und bauen unsere digitalen Prozesse weiter aus“, sagt Carsten Nagel, Manager External Communication im Hause Weidmüller.

Grundlage des Digitalisierungsprozesses ist eine Strategie, die in Kooperation mit verschiedenen Abteilungen der weltweiten Standorte entwickelt wurde und wo jeweils die lokalen Bedürfnisse und Ideen Berücksichtigung fanden. Knapp 70 Mitarbeiter wurden dazu interviewt, zusätzlich gingen verschiedene Pilotprojekte in den Werken vor Ort an den Start. „Uns ist es wichtig, gemeinsam mit den Mitarbeitern an diesem Thema zu arbeiten und ihnen zu zeigen, dass wir keine Prozesse automatisieren, sondern die Weitergabe von digitalen Informationen vorantreiben. Transparenz steht hier an erster Stelle“, beschreibt Nagel die Intention.

Ohne die Einbeziehung aller Mitarbeiter funktioniert die „Herkulesaufgabe“ Digitalisierung nicht.

Workshops mit Beschäftigten aus der Fertigung haben im Hause Weidmüller zu der Erkenntnis geführt, dass diese dem Thema Digitalisierung und ihrem Nutzen sehr aufgeschlossen gegenüber stehen und sich auf zukunftsorientiertes Arbeiten freuen. Intensive Schulungen, in denen internes Know-how mit externen Fachleuten angereichert wird, sollen die Beschäftigten zudem für die neue Herausforderung begeistern. Dazu sind fachübergreifendes Wissen, Verständnis für die Arbeits- und Denkweisen anderer Disziplinen und Denken in übergreifenden Prozessen notwendig. Das gelingt nur über die Motivation, zur vorhandenen Fachkompetenz Spezialwissen und damit noch mehr Systemwissen aufzubauen. Hilfreich sind neue Lernmuster wie informelles und interaktives Lernen per Tablet oder Smartphone, das an jedem Ort und zu jeder Zeit möglich ist. Fakt ist, Arbeit und Lernen werden verschmelzen, sich „auf dem Laufenden halten“ wird zur Routine, ist Carsten Nagel überzeugt. Generell würden die Stellenprofile in der Produktion IT-betonter und interdisziplinärer, weil zunehmend intelligente Maschinen und Systeme zum Assistenten des Menschen werden. Auch das Arbeiten nah am Kunden und die Schaffung individualisierter Produktlösungen würden wichtiger. Gleichzeitig bedeute es für einige Aufgaben auch das Aus, darunter viele Routinearbeiten, aber auch körperlich schwere und gefährliche Arbeit.

Die Digitalisierung ist für das international tätige Familienunternehmen natürlich kein Selbstzweck, sondern eine gute Chance, seine Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu steigern. Die Potentiale, die sich in der Verwaltung, im Produktionsbereich und in der Schnittstelle zu den Kunden eröffnen, klingen vielversprechend. „In der Verwaltung und in der Produktion verfolgen wir in erster Linie das Ziel der Komplexitätsreduzierung. Dies gelingt uns, indem wir digitale Durchgängigkeit in unseren Prozessen schaffen. Damit einhergehend erhöhen wir die Transparenz, steigern die Flexibilität in unserem Unternehmen und erzeugen gleichzeitig auch einen größeren Nutzen für unsere Mitarbeiter“, so Carsten Nagel.

Nachgefragt

 „Wir haben neue Verantwortlichkeiten geschaffen“
Carsten Nagel, Manager External Communication im Hause Weidmüller, über den Prozess der Digitalisierung und welche Strukturen intern geschaffen wurden, um die Herausforderung zu bewältigen. 

Herr Nagel, der Prozess der digitalen Transformation ist viel mehr als nur die Umsetzung einer neuen Technologie. Wie unterstützt die Unternehmensführung diesen Prozess?
Carsten Nagel: Wir haben im Unternehmen im letzten Jahr eine neue Abteilung „Global Factory Digitalization and Intelligence“ geschaffen. Zu den Aufgaben der Abteilung gehören vor allem die Integration von Industrie 4.0-Technologien in der globalen Supply Chain, die standortübergreifende Abstimmung und Koordination dieser Themen, die Entwicklung und Umsetzung der Roadmap sowie die Bündelung der verschiedenen Aktivitäten. Gleichzeitig kümmert sich der Bereich auch um die Digitale Transformation und unterstützt die Mitarbeiter in der Produktion bei dem Kulturwandel. Angegliedert ist diese Abteilung bei der ebenfalls im letzten Jahr neu geschaffenen Funktion des „Chief Digital Officers“, der alle Digitalisierungsprojekte koordiniert. Um die Mitarbeiter bei wichtigen Themen abzuholen, veranstaltet Weidmüller zusätzlich zwei Innovationstage im Jahr, bei denen sich alle Mitarbeiter über die neusten Entwicklungen informieren können – von Technologien, über neue Anwendungsfelder und Projekte bis zu Gesprächen über die Veränderungen auf die Arbeitswelt mit der Personalabteilung und dem Betriebsrat. Hier ist die Unternehmensführung eng eingebunden und unterstützt die Entwicklung.

Welche (neuen) „Freiräume“ werden den Mitarbeitern eingeräumt, um die neuen Herausforderungen zu bewältigen? 
Carsten Nagel: Digitalkompetenz ist ein neues Themenfeld, das mehr als die klassische Personalentwicklung umfasst. Wir sind uns bewusst, dass Industrie 4.0 frühzeitig in die Entwicklung von Mitarbeitern integriert werden muss, damit der Wandel hin zur Smart Factory gelingen kann. In unserer unternehmenseigenen Weidmüller Akademie wurde bereits das Aus- und Weiterbildungskonzept auf das Zukunftsthema ausgerichtet. Wir stehen hier aber noch am Anfang einer langen Entwicklung, dessen Ende wir noch nicht genau abschätzen können. Sicher ist aber, dass neue Technologien die Arbeitswelt (inhaltlich, räumlich, zeitlich) sowie die Kommunikation und Zusammenarbeit verändern werden – sowohl in der Produktion als auch bei Geschäftsprozessen. Daran beteiligt sind neue Multimedia-, Social-, Media- und Cloud- Technologien sowie Assistenzsysteme, die zunehmend Verbreitung in industriellen Arbeitssystemen finden.

Wie hat sich die Zusammenarbeit Ihrer Mitarbeiter untereinander verändert, um z.B. Probleme und neue Aufgaben / Herausforderungen schnell zu lösen und welche Unterstützung erhalten Ihre Mitarbeiter durch die Unternehmensführung? 
Carsten Nagel: Agilität und neue Herangehensweisen werden insbesondere in abteilungs- und länderübergreifenden Projekten immer wichtiger und kommen verstärkt zur Anwendung. Unsere Entwicklungsteams sitzen heute je nach Projekt in unterschiedlichen Ländern auf der Welt –  in Singapur, Spanien und Deutschland. Diese länderübergreifenden Projektteams profitieren sehr stark von den neuen Technologien und der Digitalisierung – wenn man beispielsweise eine Maschine oder Anlage in China mit Hilfe einer HoloLens direkt vor Augen hat und sieht, was auch die Person vor Ort sieht, ist das eine große Hilfe. Zum Thema agiles Projektmanagement und Scrum bietet Weidmüller den Mitarbeitern über die Akademie Schulungen an. Insgesamt läuft die Zusammenarbeit durch die neuen Technologien viel direkter und schneller ab als noch vor ein paar Jahren.

Welche Empfehlung können Sie aus Ihrer bisherigen Erfahrung  anderen Unternehmen geben, die sich ähnlichen Herausforderungen stellen müssen? 
Carsten Nagel: Wir können jedem Unternehmen nur den Tipp geben, sich Schritt für Schritt an die Herausforderungen der digitalen Zukunft zu wagen – auch wenn anfangs nicht alles glatt läuft. Aus diesen Fehlern muss man lernen, diese schnell korrigieren und bei dem nächsten Projekt vermeiden. Wichtig ist aber, die Mitarbeiter mitzunehmen und frühzeitig in die Projekte einzubinden – dadurch wächst die Akzeptanz und auch der Erfolg vieler Projekte in diesem Bereich.