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Was beschäftigt Sie….?

Andreas von Estorff, Geschäftsführer des Pioneers Club 

„Die Digitalisierung des deutschen Mittelstands flächendeckend vorantreiben“

Andreas von Estorff

Andreas von Estorff, Geschäftsführer des Pioneers Club

Was fasziniert Sie an Ihrer Arbeit?
Die digitale Transformation ist eine große Chance für junge Gründer und stellt gleichzeitig insbesondere die Politik und traditionelle Unternehmen vor enorme Herausforderungen. Ich habe in meiner beruflichen Karriere die unterschiedlichen Arbeitsweisen von jungen Gründern und etablierten Unternehmen kennengelernt und finde es wahnsinnig spannend, diese beiden Welten nun im Pioneers Club zusammenzubringen. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir mit unserem Konzept einen wichtigen Beitrag leisten können, die Digitalisierung des deutschen Mittelstands flächendeckend voranzutreiben. Bielefeld als „Hauptstadt des deutschen Mittelstands“ ist der ideale Ort, diese Bewegung zu starten.

Warum haben Sie sich für die Position des Geschäftsführers beworben?
Andreas von Estorff: Ich bin Mitgründer des Pioneers Club und meine Aufgabe im Team der Gründer und Gesellschafter besteht darin, das Konzept umzusetzen und möglichst viele Gründer und Unternehmen aus der Region OWL dafür zu begeistern. Da ich oft mit Unternehmern, Vorständen und anderen Geschäftsführern zu tun habe, hilft mir diese Funktion. Man nimmt mich wahrscheinlich als Unternehmer und Geschäftsführer ernst, weil ich unternehmerisch denke und die Herausforderungen von Managern aus eigener Erfahrung kenne.

Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?
Der Pioneers Club in Bielefeld wurde im Juni eröffnet und ist heute bereits zu 90 Prozent ausgelastet. Wir wollen die Marke, das Geschäftsmodell, die Kommunikation und die Abläufe in den nächsten Monaten optimieren und denken bereits an eine Erweiterung in Bielefeld sowie eine Expansion in andere Städte. In 2018 sollte ein weiterer Pioneers Club an den Start gebracht werden, wenn alles so funktioniert, wie wir es geplant haben.

Wo liegen die aktuellen Herausforderungen und wie bewältigen Sie diese?
Wir würden gerne eine Alternative zu dem in den USA sehr erfolgreichen Konzept WeWork sein, haben aber nicht annährend so viel Kapital bzw. keinen vergleichbaren Zugriff aus Kapital, wie die US-Amerikaner. Insofern müssen wir das ganze Konzept auf eine deutsche bzw. vielleicht sogar ostwestfälische Art umsetzen: Bodenständig und nachhaltig. Dazu muss ich aber sehr viele Unternehmen bzw. Unternehmer überzeugen, dass unser Konzept für sie funktionert. Das Zusammenspiel von Start-ups und Mittelstand muss wie in einem klassischen Konzert mit vielen verschiedenen Instrumenten und Musikern zu einem harmonischen Orchester zusammengeführt und dirigiert werden. Insbesondere den traditionellen Mittelständlern fällt es noch schwer, sich zu öffnen und sich mit anderen Unternehmen auszutauschen. Ich glaube aber es ist extrem wichtig, dass wir unsere Kräfte in Deutschland bündeln, um im globalen Wettbewerb zu bestehen.

Wie wollen Sie auf die disruptiven Auswirkungen der digitalen Transformation reagieren?
Viele der regionalen Mittelständler sind hochspezialisierte Unternehmen, die im B2B- oder B2C-Bereich agieren. Mit ihren in heimischen Regionen entwickelten Produkten und Dienstleistungen sind sie mittlerweile im In- und Ausland erfolgreich und zählen weltweit zu den Innovativsten und Qualitätsbewusstesten in ihren jeweiligen Geschäftsbereichen. Dessen ungeachtet stehen eben jene Unternehmen vor der dringenden Notwendigkeit, sich an die neue digitale Ordnung anzupassen. Wie unlängst Bundeskanzlerin Angela Merkel unter dem Schlagwort „Industrie 4.0″ betonte, stehen deutsche Industrieunternehmen vor der drängenden Aufgabe, in die Digitalisierung zu investieren, wenn sie ihre Spitzenposition in der Weltwirtschaft behaupten wollen. Eine schnelle Umsetzung der Digitalisierungsprozesse wird allerdings durch diverse Faktoren erschwert. Zu den Hemmnissen gehören neben der Größe jener Unternehmen eingefahrene, traditionelle Unternehmensstrukturen und Denkmuster. Erschwerend kommt hinzu, dass die digitalen Talente häufig aus der Region abwandern, in denen die mittelständischen Unternehmen beheimatet sind. So schließen sich Marketingspezialisten, Programmierer und Entwickler, die auf den digitalen Handel spezialisiert sind, eher jenen Unternehmen an, die in boomenden Hightech-Städten wie Berlin, Hamburg, Köln oder München ansässig sind.

Der Pioneers Club ermöglicht mittelständischen Unternehmen, abseits der üblichen Unternehmensstrukturen, digital basierte Wachstumsmodelle zu entwickeln, um Innovationen in den Markt bringen. Zu den Mitgliedern gehören mittelständische Unternehmen, Start-ups mit innovativen Geschäftsideen und internationale digitale Experten und Kreativprofis. Der Pioneers Club liegt zentral und gut erreichbar in der Altstadt Bielefelds. Um offene kommunikative Arbeitsatmosphäre und auch Rückzugsmöglichkeiten zu gewährleisten, ist er mit Flex Desks als auch mit Open und Coworking Spaces ausgestattet. Das kreative Umfeld spiegelt sich auch in der Raumgestaltung wider. In einem hellen leichten Ambiente treffen unverputzte Steinwände und Graffitis auf modernste Innenausstattung. Gastronomische Highlights und ein unerlässlicher Barista Kaffee bieten den perfekten Rahmen für eine Wohlfühlatmosphäre – und fördern den kommunikativen Austausch.

Der Pioneers Club beherbergt darüber hinaus den „Founders Hack”, ein Business Hack der Founders Foundation, bei dem sich junge Talente aus dem Bereich IT und Business realen Problemen von Unternehmen stellen und dazu Lösungen entwickeln. Beim letzten „Industry Hackathon” nahmen sechs regionale Unternehmen (Claas, Boge, Dr. Wolff, Miele, Bentler und Wortmann) und insgesamt 60 Nachwuchskräfte sowie Gründer aus der Region teil. An nur einem Wochenende entwickelten die Teilnehmer dabei zahlreiche spannende Geschäftsmodelle. Mindestens die Hälfte der sechs teilnehmenden Unternehmen werden mit einigen der jungen Talente ein „Spin-off” starten: Genau das ist es, worum es beim Pioneers Club geht: Start-ups und Ideen in einem kreativen Umfeld! Es ist unglaublich interessant zu sehen, wie Geschäftsführer mittelständischer Unternehmen mittlerweile zum „Business Angel” geworden sind. Zum jetzigen Zeitpunkt wurden bereits in fünf der regionalen Startups rund 1,5 Mio.$ investiert. “

Es gibt derzeit großartige Möglichkeiten, nachhaltige digitale Geschäftsideen gemeinsam zu entwickeln: Auf der einen Seite können die Unternehmen von der Flexibilität der Start-ups, ihrer schnellen Auffassungsgabe und „Digital First“-Mentalität profitieren. Andererseits können die Start-ups auf die Erfahrungen gut etablierter Unternehmen zurückgreifen – und was besonders wichtig ist – sie können ihre geschäftlichen Startschwierigkeiten bewältigen. Zahlreiche Startups wirbeln diverse Industriezweige gehörig durcheinander – und das ist im Grunde genommen großartig. Jedoch sollten diese Aktivitäten auf Innovationen basieren und sich aus dem Antrieb speisen, ein Problem wirklich zu lösen. So wurden in der Vergangenheit einige Start-ups finanziert, die in der Folge fehlschlugen, weil sie den Versuch unternahmen, eine Branche ohne klare Analyse und Problemlösungsstrategien zu novellieren. Die enge Zusammenarbeit mit etablierten Unternehmen ermöglicht jedoch, nicht nur die benötigten Ressourcen zu erhalten, sondern bietet auch die Chance, spezifische Geschäftsprobleme zu identifizieren und zu lösen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass viele junge Talente eigentlich in der Region, in der sie aufgewachsen sind, bleiben wollen, wenn sie die richtigen Voraussetzungen vorfinden. Die mittelständischen Unternehmen besitzen die Ressourcen und Fähigkeiten, die digitalen Talente zu halten und mit an Bord zu holen. Wenn wir das richtig umsetzen, werden jedes Jahr mehr und mehr talentierte Menschen für lokale Unternehmen zur Verfügung stehen, um deren digitale Fähigkeiten zu nutzen, die sie so dringend brauchen. Dafür steht der Pioneers Club – ich hoffe, dass wir unseren eingeschlagenen Weg weiterhin erfolgreich fortführen.

KONTEXT
Andreas von Estorff ist Serial Entrepreneur, Berater und Angel Investor. Er studierte Volkswirtschaftslehre und Ingenieurwissenschaften in Aachen und begann 1996 sein erstes Internet-Geschäft. 2000 gründete er die Online-Plattform ProductionParadise.com. Es folgten Beratungsprojekte zur Umsetzung der digitalen Transformation.