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Schwerpunktthema Logistik: Interview mit Thomas Wimmer

Foto: Cienpies-Design

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„In der Logistik wächst die Komplexität und sinkt die Reaktionszeit“

 Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer, Vorsitzender der Geschäftsführung bei der Bundesvereinigung Logistik (BVL) e.V., über den Wandel in der Logistik:  vom Transportexperten hin zum Prozessoptimierer und Komplexitätsmanager.

 Herr Wimmer, was versteht man unter Komplexitätsmanagement im Zusammenhang mit logistischen Dienstleistungen bzw. -abläufen?

Professor Dr.Ing. Thomas Wimmer:  "Zusammenarbeit gelingt nur mit Teamgeist"

Professor Dr.Ing. Thomas Wimmer:
„Zusammenarbeit gelingt nur mit Teamgeist“ ( ©Kai Bublitz/BVL )

Thomas Wimmer: Logistiker sollen trotz verschiedenster und teilweise nicht vorhersagbarer Einflüsse sicherstellen, dass stets die richtigen Teile zur richtigen Zeit in der richtigen Menge zur Verfügung stehen. Solche Einflüsse können beispielsweise sein: Individuelle Produkte, wirtschaftliche Schwankungen, Abhängigkeiten zwischen Märkten, hoher Zeit- und hoher Kostendruck. Komplexität ist das Gegenteil von Einfachheit und Überschaubarkeit – und sogar als Begriff schon komplex. Sie kann unorganisiert als Mangel an Ordnung zustande kommen, ebenso aber organisiert, beispielsweise durch Überforderung der menschlichen Wahrnehmung angesichts vieler und vielfältiger Einflussfaktoren und deren Abhängigkeiten untereinander. Das Gesamtverhalten eines komplexen Systems oder Modells ist nie sicher zu beschreiben. In der Logistik wächst die Komplexität und gleichzeitig sinkt die Reaktions- und Planungszeit. Logistiker und Supply Chain Manager in Industrie, Handel und Dienstleistung müssen also immer dynamischer und flexibler agieren.

Wie lässt sich ein Komplexitätsmanagement in  die Prozesse und Strukturen der Logistiker einbinden, bzw. welche Maßnahmen müssen die Logistiker treffen?

 Thomas Wimmer: Durch Komplexitätsmanagement werden kaum überschaubare Szenarien beherrschbar. Daraus entstehen Wettbewerbsvorteile. Fast 77 Prozent der Teilnehmer einer BVL-Mitgliederumfrage in Industrie, Handel und Dienstleistung empfinden ihre heutigen Strukturen und Prozesse als komplex. Standardisierung, die Einführung neuer Managementsysteme und der konsequente Aufbau von Mitarbeiterkompetenzen sind wirksame Antworten darauf. In den vergangenen fünf Jahren haben über 70 Prozent der befragten Unternehmen Maßnahmen des Komplexitätsmanagements eingeführt, beispielsweise durch maßgeschneiderte IT-Lösungen (49 %), Prozesskoordination (48 %), insbesondere zwischen den Abteilungen (36 %) und innerhalb der Materialwirtschaft. Für jeden Vierten stehen auch Verbesserungen im Wissensmanagement auf der Agenda. Fast die Hälfte der Befragten sieht die Optimierung der übergreifenden Zusammenarbeit als nächsten Schritt an.

Was bedeutet das für den Arbeitsalltag bzw. Arbeitsabläufe der Logistiker?

 Thomas Wimmer: Es ist sehr hilfreich, den eigenen Arbeitsbereich noch offener, mit noch mehr Bereitschaft zu Innovation und Veränderung gewohnter Abläufe zu betrachten. Sich immer neu die Frage zu stellen, welche gemeinsamen, übergreifenden Lösungsansätze es gibt. Beispielsweise Kooperation entlang der Wertschöpfungskette: Gemeinsam die Komplexität verstehen und verringern, Ressourcen im Verbund ausschöpfen und nicht gegenseitig zum Kostentreiber werden. Zusammenarbeit gelingt nur mit Teamgeist. Gemeinsame Ziele müssen ebenso fokussiert werden wie die individuellen Pläne.

Dazu ein Beispiel: Der Deutsche Logistik-Preis 2014 wurde für das Projekt „Supplying Performance. Logistik als Wachstumsfaktor“ gemeinsam an Mercedes-AMG und deren Dienstleister Müller – Die lila Logistik verliehen. Mercedes-AMG ist ein OEM, bei dem Verbesserungen gemeinsam mit einem sorgsam ausgewählten Logistik-Dienstleister ausgeführt werden. Ein Spezialist für Motorenentwicklung und -bau sowie ein Spezialist für Logistik arbeiten auf der Grundlage längerfristiger Verträge und Vereinbarungen zum gegenseitigen Wohle in vorbildlicher Offenheit zusammen.

Welche Vorteile haben sowohl Logistik-Dienstleister als auch die Kunden davon?

 Thomas Wimmer: Der Logistik-Dienstleister ist intensiv in die Gestaltung der Prozesse seines Kunden einbezogen. Für ihn entsteht – sofern die Zusammenarbeit gelingt – eine stabilere Auftragsbeziehung als bei Standard-Dienstleistungen. Darüber hinaus erarbeitet er sich eine Expertise, die von der Methodik her vermutlich auch auf andere Zusammenhänge angewandt werden kann. Der Anwender logistischer Leistungen, also der Auftraggeber, kauft Kernkompetenz zu. Daraus ergeben sich direkte Kosteneffekte, weil Abläufe standardisiert und Innovationen gemeinsam entwickelt werden. Im Team können Konzepte entstehen, an die auf sich allein gestellte einzelne Player nicht gedacht hätten. Wenn beispielsweise – wie bei Mercedes-AMG – durch Materialflussplanung und Routenoptimierung die Zahl der gefahrenen Lkw-Kilometer pro Woche um 79 Prozent gesenkt werden können, tut das drei Parteien gut: Dem Auftraggeber, dem Dienstleister und der Umwelt.

Welche Bedeutung hat die Optimierung der Kooperationsprozesse für die Unternehmen und  in welchen Bereichen bzw. mit welchen Branchen sind Kooperationen anzustreben?

 Thomas Wimmer: Wie gesagt: Fast die Hälfte der befragten BVL-Mitglieder sieht in der Optimierung der Kooperationsprozesse großes Potenzial. Kooperation in Sachen Logistik ist in allen Branchen möglich: bei der Versorgung von Handelshäusern in Ballungsgebieten, in der Versorgung von Automobilfabriken, in der Warenverteilung bei Paket- und Expressdiensten, in der Kühlkette beim Vertrieb von Lebensmitteln – und in vielen anderen Anwendungen. Nachhaltigkeit entsteht durch Effizienz und gemeinsam geht das besser als alleine. Zwei Erfahrungen, die wohl jeder von uns in im Leben schon gemacht hat.