| 15. Juni 2010 | |
| Liquiditätskrise durch Aufschwung | |
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Dr. Heinrich Schimpf und Adrian Frei* Die Reduzierung des Working Capital durch gezielte Maßnahmen, insbesondere den Abbau von Vorräten, ist ein verbreitetes Instrument, um bei sinkender Nachfrage, wie etwa infolge einer Wirtschaftskrise, Liquidität freizusetzen. Sobald die Nachfrage steigt, müssen Vorräte wieder aufgebaut werden. Bei mangelnden Vorkehrungen seitens des Unternehmens kann ein Aufschwung bei nicht ausreichend vorhandenen finanziellen Möglichkeiten zu einer Liquiditätskrise, schlimmstenfalls bis hin zur Zahlungsunfähigkeit und damit zur Insolvenz führen. Nicht zuletzt durch die Erfahrungen aus der Finanzkrise ist bei Banken ein erhöhtes Risikobewusstsein feststellbar. Dies zeigt sich bei der Kreditvergabe insbesondere für mittelständische Unternehmen. Banken fordern mehr Sicherheiten für die zu gewährenden sowie zu verlängernden Kredite und berücksichtigen das verbleibende Risiko durch einen Zinsaufschlag. Dabei wird verstärkt die Leistungsfähigkeit des Schuldners beurteilt. Verschärft wird die Situation dadurch, dass sich mit der Finanz- und Wirtschaftskrise und dem damit zusammenhängenden Abschwung bei einer Vielzahl von Unternehmen das Ergebnis vor Steuern deutlich verschlechtert hat. Dies hat auch Auswirkungen auf die Bilanzstruktur, insbesondere auf die Entwicklung des Eigenkapitals. Dadurch wird die Beschaffung von Fremdkapital erschwert. Die Unternehmen sind gezwungen, nach alternativen Finanzierungsquellen zu suchen. Eine verbreitete Quelle ist, Liquidität durch eine sog. Innenfinanzierung freizusetzen. Z. B. kann dies durch Einbehalten von Gewinnen oder Verkauf von nicht betriebsnotwendigem Vermögen, wie etwa Immobilien oder Maschinen erfolgen. Allerdings gehen Gewinne in einer Krise regelmäßig zurück und zu veräußerndes nicht betriebsnotwendiges Vermögen ist nur selten in nennenswertem Umfang vorhanden. Eine weitere Möglichkeit, um Liquidität zu beschaffen, ist die Senkung des Working Capital. Dies ist jedoch mit Risiken verbunden, deren Vermeidung den Fokus dieses Beitrages bilden. Innenfinanzierung Im Wesentlichen kann das Working Capital mit drei Maßnahmen reduziert werden: • Intensiveres Forderungsmanagement • Aushandeln von längeren Zahlungszielen • Abbau von Vorräten ► (Net) Working Capital ► (Net) Working Capital Das Working Capital berechnet sich aus der Differenz des innerhalb eines Jahres liquidierbaren Vermögens (Umlaufvermögen) und den kurzfristigen Verbindlichkeiten abzüglich der liquiden Mittel. Während das Forderungsmanagement (kürzere Zahlungsziele) und das Managen von Verbindlichkeiten (längere Zahlungsziele) in einer Krise nur schwer durchsetzbar sind, ist das Reduzieren der Vorräte (Roh- und Hilfsstoffe, Halbfabrikate und Fertigprodukte) insbesondere bei rückläufiger Nachfrage eine Maßnahme, die weitgehend ohne Zustimmung von Kunden und Lieferanten erfolgen kann. Durch die Reduktion der Vorräte kann dringend benötigte Liquidität freigesetzt werden. Solange die Nachfrage auf "Krisenniveau" bleibt, ist eine Reduzierung der Vorräte mühelos möglich. Hingegen müssen die Vorräte bei einer Umsatzsteigerung regelmäßig wieder erhöht werden, da eine Steigerung der Umschlagshäufigkeit oft nur noch eingeschränkt möglich ist. Es zeigt sich, dass Unternehmen, die in einer Rezession Vorräte stark abgebaut haben, nun die liquiden Mittel fehlen, um die dringend benötigten Vorräte wieder aufzubauen. Das führt dazu, dass Unternehmen aufgrund steigender Nachfrage in finanzielle Schwierigkeiten geraten können. Sobald die Nachfrage wieder steigt, muss die Vorfinanzierung der Umsätze sichergestellt sein. Je weiter der Beginn der Produktion und der Zeitpunkt des Zahlungseingangs für die Fertigprodukte auseinanderfallen, desto größer ist der Liquiditätsbedarf, der bestenfalls teilweise durch Anzahlungen gedeckt werden kann. Bei knappen liquiden Mitteln kann diese Situation zu einer Liquiditätskrise bis hin zur Zahlungsunfähigkeit und damit Insolvenz führen. Um das zu verhindern, muss eine Finanzierung sichergestellt werden, wobei die Innenfinanzierung durch die Maßnahmen in der Krise bereits ausgeschöpft wurde. Wenn Zuführung von Eigenkapital nicht möglich oder nicht gewollt ist, kann eine Finanzierung durch eine Bank in Betracht gezogen werden. Banken fordern Sicherheiten für einen Kredit. Folgende Sicherheiten werden zumindest teilweise akzeptiert: • Schnell veräusserbare und/oder wertbeständige Vermögenswerte: Als Sicherheiten werden üblicherweise Wertpapiere, Immobilien und sonstige schnell veräusserbare respektive wertbeständige Vermögenswerte von Banken bevorzugt. Vielfach sind entsprechende Werte jedoch nicht vorhanden bzw. wurden bereits als Sicherheiten verwendet. • Sachanlagen: Sachanlagen wie Maschinen, Fahrzeuge, Vorräte werden von Banken einerseits aufgrund der mangelnden Wertbeständigkeit und andererseits aufgrund der mangelnden Möglichkeiten, die Sachanlagen zu kontrollieren, nur teilweise als Sicherheiten akzeptiert. • Kundenforderungen: Kundenforderungen werden von Banken ebenfalls nur eingeschränkt als Sicherheiten akzeptiert. Alternativ können Forderungen an Factoring-Gesellschaften verkauft werden. Der Nachteil dabei ist, dass nicht der Nennbetrag gezahlt wird, sondern ein Teil der Forderungen für die Dienstleistung und Deckung des Risikos der Factoring-Gesellschaften dient. Außerdem resultiert aus dem Factoring nur ein Einmaleffekt. • Bürgschaften: Private und staatliche Bürgschaften werden als Ergänzung zu anderen Sicherheiten akzeptiert. Ausreichend werthaltige Privatbürgschaften werden nur in Ausnahmefällen möglich sein. Staatsbürgschaften sind mit hohen Auflagen verbunden und bedürfen einer nicht zu unterschätzenden Vorlaufzeit. Neben dem gestiegenen Risikobewusstsein der Banken haben diese aufgrund des Basel II-Abkommens ein gewichtiges Interesse, ihr Risiko zu reduzieren. Das Basel II-Abkommen verpflichtet die Banken, die gewährten Kredite risikoadäquat mit Eigenkapital zu unterlegen. Bei einer Unternehmensfinanzierung lässt sich die Bank das Kreditrisiko und das (erhöhte) Eigenkapitalerfordernis durch einen Zinsaufschlag vergüten. Vielfach reichen die vorhandenen Sicherheiten nicht aus, um eine Finanzierung vollständig abzusichern. Auch wenn keine weiteren Sicherheiten mehr zur Verfügung stehen, möchte die Bank gleichwohl das Unternehmen finanzieren und dadurch den Umsatzanstieg ermöglichen. Banken müssen allerdings bei der Gewährung von Krediten sowohl interne als auch externe Vorschriften einhalten. Entscheidend ist die Ertragskraft des Unternehmens und dessen Möglichkeit, Kredite zu tilgen und Zinsen zahlen zu können. Dies kann anhand einer plausibilisierten integrierten Planung beurteilt werden. Handlungsansatz Zusätzlich zu den vorstehend beschriebenen Sicherheiten ist für die Beurteilung der Banken wichtig, dass das Unternehmen aus dem operativen Cash-Flow (Geldfluss aus den Geschäftsaktivitäten) die Darlehen in vereinbarter Zeit tilgen und die Zinsen zahlen kann. Ob ein ausreichender Cash-Flow erwirtschaftet wird, kann anhand einer integrierten Planung beurteilt werden. Die integrierte Planung beinhaltet die Liquiditätsplanung, Bilanzplanung sowie die Planung der Gewinn- und Verlustrechnung. Diese integrierte Planung sollte mind. zwei Jahre umfassen, jedenfalls aber den Zeitraum, der benötigt wird, um das Darlehen zurückzuführen. Sinn und Zweck der integrierten Planung ist u.a., die finanziellen Auswirkungen der geplanten Geschäftsaktivitäten zu erkennen. Zusätzlich zu den vorstehend beschriebenen Sicherheiten ist für die Beurteilung der Banken wichtig, dass das Unternehmen aus dem operativen Cash-Flow (Geldfluss aus den Geschäftsaktivitäten) die Darlehen in vereinbarter Zeit tilgen und die Zinsen zahlen kann. Ob ein ausreichender Cash-Flow erwirtschaftet wird, kann anhand einer integrierten Planung beurteilt werden. Die integrierte Planung beinhaltet die Liquiditätsplanung, Bilanzplanung sowie die Planung der Gewinn- und Verlustrechnung. Diese integrierte Planung sollte mind. zwei Jahre umfassen, jedenfalls aber den Zeitraum, der benötigt wird, um das Darlehen zurückzuführen. Sinn und Zweck der integrierten Planung ist u.a., die finanziellen Auswirkungen der geplanten Geschäftsaktivitäten zu erkennen. Die Liquiditätsplanung ist dabei von besonderer Bedeutung. Diese beinhaltet sämtliche geplanten Ein- und Auszahlungen für den Planungszeitraum. Die Liquiditätsplanung sollte auf Monatsbasis erfolgen, sodass auch unterjährige Unterdeckungen sichtbar werden. Sofern eine integrierte Planung durch das Unternehmen erstellt wurde, wird von Seiten der Banken regelmäßig gefordert, diese von Experten plausibilisieren zu lassen. In vielen Fällen liegt keine ausreichend belastbare integrierte Planung vor, sodass externe Berater beauftragt werden, eine solche zu erstellen. Eine integrierte Finanzplanung bietet viele Vorteile. Neben der Verwendung der Planung als Informationsquelle für die Unternehmenssteuerung ermöglicht sie, einfacher und günstiger Fremdkapital zu erhalten. Wenn eine Planung vorliegt, wird diese nach Erhalt der erforderlichen Unterlagen und Informationen detailliert auf die zugrundeliegenden Annahmen überprüft. Wesentlicher Bestandteil der Plausibilisierung ist zu prüfen, ob die Teilplanungen konsistent sind. In einem Managementgespräch mit der Unternehmensleitung werden vor Ort die gewonnenen Erkenntnisse aus der Analyse diskutiert und offene Fragen geklärt. Dabei werden nicht nur die erhaltenen Zahlen und Daten thematisiert, sondern das gesamte Geschäftsmodell besprochen. Sobald alle Fragen hinreichend geklärt sind, werden die Ergebnisse der Untersuchung in einem Gutachten zusammengefasst. Dieses Gutachten beinhaltet ein Urteil darüber, ob die durch das Unternehmen getroffenen Annahmen plausibel sind und ermöglicht der Bank einen zusätzlichen Einblick in das Unternehmen. Die im Gutachten dargestellte freie Liquidität zeigt auf, ob ein (zusätzliches) Darlehen voraussichtlich planmäßig getilgt und Zinsen gezahlt werden können. Je höher der freie Cash-Flow, desto geringer ist das Risiko für die Bank. Das wirkt sich positiv auf die Darlehenskonditionen aus. Die Erfahrung zeigt, dass die Reduktion des Aufwands, die durch die Senkung des Zinssatzes aufgrund des Gutachtens erreicht werden kann, die Kosten für die Erstellung des Gutachtens häufig übersteigt. Hinzu kommt, dass die Unternehmensführung aus einer validen integrierten Planung wichtige Erkenntnisse ziehen kann. Schlussbemerkung Wie gezeigt, kann eine einsetzende erhöhte Nachfrage zu einer Liquiditätskrise aufgrund des notwendigen Aufbaus von Vorräten führen. Um die Handlungsoptionen für das Unternehmen aufrecht zu erhalten, ist es sinnvoll, möglichst frühzeitig die erforderliche Finanzierung sicherzustellen. Damit kurzfristig auf einen finanziellen Engpass reagiert werden kann, ist zu raten, stets eine aktuelle integrierte Planung zu führen. Quelle: Finanzierung im Mittelstand 02/2010 (Ausz
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