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Nachhaltiges Bauen

Mehrere Nutznießer 

Immer mehr Bauherren entscheiden sich für den Bau oder die Sanierung von Gebäuden nach Nachhaltigkeitsaspekten. Davon profitiert nicht nur die Umwelt. 

Gebäude, die nachhaltig geplant und gebaut wurden, haben gleich mehrere Nutznießer. Die Besitzer profitieren von Wertstabilität und geringeren Modernisierungskosten, die Nutzer von einer gesunderen Wohn- oder Arbeitsumgebung und die Umwelt durch einen verantwortungsvollen Umgang mit unseren Ressourcen. In den letzten Jahren haben immer mehr Bauherren ihre Gebäude durch die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) zertifizieren lassen, als Qualitätsbeleg und als sichtbares Zeichen für die Erfüllung von genau festgelegten Nachhaltigkeitskriterien. Das Nachhaltigkeitskonzept des DGNB-Systems ist weit gefasst und betrachtet durchgängig alle wesentlichen Aspekte des nachhaltigen Bauens. Das Zertifikat basiert also nicht nur auf  ökologischen Aspekten, sondern auf einer ganzheitlichen Betrachtung des gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes bzw. Stadtquartiers. Die Bewertung erfolgt in den Themenfeldern Ökologie, Ökonomie, soziokulturelle und funktionale Aspekte, Technik, Prozesse und Standort.

Nachhaltiges Bauen: Immer mehr Bauherren entscheiden sich für einen
verantwortungsvollen Umgang mit der Natur.
© psynovec / 123rf.com

„So werden unter dem Aspekt Ökologie insbesondere die Materialien und die Vermeidung von Primärenergie betrachtet, im Hinblick auf die Ökonomie stehen in erster Linie die Lebenszykluskosten im Fokus“, beschreibt Stefan Hoffmann, DGBN-Auditor und Geschäftsführer der Archimedes Industriebau GmbH. Darüber hinaus seien soziokulturelle Kriterien, wie das Wohlbefinden der Nutzer des Gebäudes von Interesse. Aus technischer Sicht interessieren vor allem die Themen Wärme, Kälte, Wasser, Temperaturen, Tageslicht, Sonnenlicht. „Bei der Prozessbetrachtung schauen die Auditoren auf die komplette Umsetzung des Projektes, von der Bedarfsplanung bis zur Inbetriebnahme. Die Bewertung des Standorts erfolgt separat. Es gibt kein vergleichbares Zertifizierungssystem am Markt. Weder Leed noch BREAM beschäftigen sich in dieser Breite und Tiefe mit den jeweiligen (variablen) Einzelbewertungen“, so Hoffmann.

Nachgefragt 

„Nachhaltige Gebäude sind werthaltiger“

Stefan Hoffmann über das Recycling und die Wiederverwertung von Baustoffen und die Vorreiterrolle der Baubranche, wenn es um Nachhaltigkeit geht.

Herr Hoffmann, wo kann der Baubereich positive Beiträge für die globalen Herausforderungen wie den Klimaschutz oder die Ressourcenknappheit leisten?
Stefan Hoffmann: Insbesondere bei der Materialauswahl, der Wiederverwertung / Recycelfähigkeit der Baustoffe, beim Energieverbrauch und im Bereich der Umnutzungsfähigkeit von Gebäuden liegt das größte Potenzial, um im Sinne der Nachhaltigkeit ein Zeichen zu setzen. Hinsichtlich der Materialien gilt es hauptsächlich zu berücksichtigen, dass diese möglichst aus der „Region“ der jeweiligen Projektstandorte gewonnen werden. Dieses Ziel lässt sicherlich eher bei Natursteinfassaden und -böden realisieren. Bei der Beschaffung von Materialien für den Bereich der Wärmedämmung und Abdichtung ist das schon schwieriger. Grundsätzlich sollte jeder Bauherr von dem Ziel geleitet sein, möglichst kurze Transportwege für die Beschaffung zu wählen. Es macht keinen Sinn, Granit aus Indien zu bestellen und die Verarbeitung sollte vor Ort durchgeführt werden, um Wertschöpfungstiefe zu erreichen. Auch die  Lebensdauer von Baustoffen ist ein wichtiger Aspekt, ein Bodenbelag aus Nadelfilz ist kurzlebiger als ein Belag aus Kugelgarn.

…und was lässt sich im Hinblick auf die Wiederverwertung bzw. den Rückbau von Gebäuden?
Stefan Hoffmann: Bei der Wiederwertung geht es um zwei Aspekte: Da ist zunächst die Demontierbarkeit der Baustoffe bzw. Baukonstruktionen zu erwähnen.

Eine vorgehängte und hinterlüftete Natursteinfassade, die in die Jahre gekommen ist und beseitigt werden soll, ist ein gutes Beispiel für eine gelungene Wiederverwertung von Baustoffen. Der Naturstein kann leicht abgebaut werden, da er nur eingehängt war. Anschließend lässt sich das Material z.B. zu Schotter verarbeiten. Die Wärmedämmung (möglichst Mineralwolle) kann entnommen werden. Auch die  Unterkonstruktion wird abgeschraubt und anschließend eingeschmolzen.

Anders sieht es jedoch bei Wärmeverbundsystemen aus. Durch den technisch erforderlichen Schichtenaufbau (Putz, Putzträger, Wärmedämmung (zumeist PU, Kleber und Verdübelung) ist es kaum möglich, die einzelnen Baustoffe (Schichten) separat voneinander zu demontieren und zu entsorgen. Hieraus ergibt sich ein deutliches Entsorgungsproblem.

Heute gibt es eine Vielzahl an Baustoffen, die wiederverwertbar sind. Dazu gehören  zum Beispiel Stahlbeton, Mauerwerk, Dachstühle, Stahlkonstruktionen, Asphalt, Dachziegel, Kunststoff-, Alu- und Holzfenster (inkl. Verglasung), Estrichböden und Fliesenbeläge. Technische Verfahren zur Wiederverwertung sind seit vielen Jahren in der Bauindustrie üblich, zum Beispiel Brechanlagen, Einschmelzen von Metall und Glas, Granulat gewinnen aus Kunststoff und Verbrennung.

Der Energieverbrauch eines Gebäudes definiert sich über die eingesetzten technischen Anlagen und über den Energieverlust, der über das Gebäude erfolgt. Das Zusammenspiel dieser Bereiche wird heute über die Energie-Einsparverordnung (EnEV) definiert und gesetzlich geregelt. Einerseits bedeutet dies, dass mit einem sehr hohen Aufwand (Regelungen und Steuerungen) eine hohe Anzahl technischer Anlagen (z.B. Klima, Lüftung, Wärme) untereinander verknüpft werden, um diesen Standard erreichen zu können. Ein hoher Anteil der hierdurch eingesparten Energie wird allerdings für deren Regelungen und Steuerung benötigt. Hier ist ein hohes technisches Verständnis, um diese Anlagen bedienen zu können, erforderlich. Gleichzeitig ist auch die Effizienz der technischen Anlagen deutlich gestiegen (z.B. Brennwerttechnik). Ferner muss heute eine Kombination zwischen erneuerbaren und nicht erneuerbaren Energieträgern gewählt werden, um die Standards der EnEV erreichen zu können. Dies führt zum reduzierten Verbrauch fossiler Brennstoffe.

Wo liegen die Vorteile, Gebäude nach Nachhaltigkeitsaspekten zu bauen?
Die Wirtschaftlichkeit eines Projektes definiert sich hauptsächlich über die Kombination der Nutzung und des Standortes. Einerseits all die spezifischen Fragen der logistischen Anbindung, der Medienversorgung, der Baugrund- und Nachbarschaftsverhältnisse und andererseits die der öffentlich-rechtlichen Auflagen (z.B. Bebauungsplanung).

Das Zertifikat eines Gebäudes macht darüber hinaus nach außen sichtbarer, welche zusätzlichen Anforderungen von Seiten der Bauherren umgesetzt worden sind, die über die (sehr hohen) gesetzlichen Anforderungen hinausgehen.

Dennoch entscheiden sich noch verhältnismäßig wenige Unternehmen dafür, nach Nachhaltigkeitskriterien zu bauen bzw. umzubauen.
Stefan Hoffmann: Die Entscheidung für den Bau eines Gebäudes nach Nachhaltigkeitskriterien ist abhängig von den Eigentümerinteressen und der Art der Immobilie. In Ballungsräumen wird es ein starkes Interesse geben, alte Wohngebäude zu sanieren und ggf. zu zertifizieren, da die Nachfrage dort sehr groß ist.

Im Industriebau haben wir die Erfahrung gemacht, dass dort die Produktion, also die Nutzung des Gebäudes, im Fokus steht. Das Gebäude selbst ist also von nachrangiger Bedeutung, weil beispielsweise die Energieverbrauchskosten der Produktion häufig signifikant höher sind als die des Gebäudes. Und Tatsache ist auch, durch ein nachhaltiges Gebäude werden nicht mehr Produkte verkauft.

Interessant ist zudem, dass wir heute immer nur von nachhaltigen Gebäuden, aber nicht von z.B. nachhaltigen Fahrzeugen oder Lebensmitteln sprechen. Hier ließen sich sicherlich auch entsprechende Kriterien entwickeln. Die Bauwirtschaft hat aus dieser Sicht durchaus eine Vorreiterrolle übernommen.

Wo liegen aktuelle Herausforderungen: Stichwort Fassadenbegrünung, ungenutzte Dachflächen?
Stefan Hoffmann: Dies ist insbesondere ein städtebaulicher Aspekt, der durchaus weiter verfolgt werden sollte.