mawionline

Interview Rohstoffrecycling

„Um etwas zu erreichen, muss ein generelles Umdenken stattfinden“

Dipl.-Ing. Gotthard Walter, Fachhochschule Münster, Fachbereich Bauingenieurwesen, über den zunehmenden Rohstoffverbrauch und wie eine künftige Ressourcensicherung aussehen kann.

Entsorgung

© huhulin / 123rf.com

Der Bedarf an Rohstoffen wächst ungebremst und wird sich, Schätzungen zufolge, in den nächsten 30 Jahren wohl verdoppeln. Um welche Rohstoffe bzw. Ressourcen handelt es sich dabei hauptsächlich?
Gotthard Walter: Aktuell wird eine sehr intensive Diskussion über die Verwendung und Rückgewinnung des Rohstoffs Metall geführt, der sich zum Beispiel in Elektro- und Elektronikgeräten befindet. Sie verfügen über eine komplexe Materialzusammensetzung mit hohen Wertstoffgehalten. Für wichtige funktionstragende Metalle und Halbleitermetalle mit hoher wirtschaftlicher Relevanz ist Elektronik einer der zentralen Endverbrauchssektoren.
Im Fokus stehen jedoch auch fossile Brennstoffe, die unseren Energiehunger stillen, und mineralische Stoffe, wie beispielsweise Sand.
Der steigende Einsatz von Ressourcen führt dazu, dass immer mehr Rohstoffe in kurz- oder langlebigen Produkten gebunden sind und damit anthropogene Lager entstehen. In diesem Zusammenhang wird häufig der Begriff Urban Mining verwendet. Das heißt konkret: Bei der Betrachtung urbaner Minen steht der Zeitraum der Freisetzung der Ressource im Fokus, d.h. es ist von Interesse, wie lange die in Konsum- und Produktionsgütern verwendeten Rohstoffe zeitlich gebunden sind. Zu den kurzfristig urbanen Minen zählen z.B. Elektroaltgeräte, Gebäude gehören zu den langfristig gebundenen Minen.

Wo liegen die Gründe für den zunehmenden Ressourcenverbrauch und warum ist bisher eine Entkopplung  von Wirtschaftsleistung und Rohstoffkonsum wenig gelungen?
Gotthard Walter: Die Antwort ist recht einfach. Die nationalen Interessen eines Landes stehen oftmals über den globalen. Beispiele gibt es hinreichend. Die USA setzen auf Fracking, obwohl die Ölschieferbohrungen erwiesenermaßen die Umwelt belasten. Ein Blick in die deutsche Automobilindustrie zeigt einmal mehr, dass auch hier eigene Interessen Vorrang haben. Der Lebensmittelkonsum ist ein weiteres Beispiel für einen starken Ressourcenverbrauch, da er über Produktion, Verarbeitung und Transport erheblichen Einfluss auf Natur und Umwelt hat. Eine Verringerung der Lebensmittelverluste wäre schon ein erster wichtiger Schritt.
Als einzelner ändert man hier wenig. Um etwas zu erreichen, muss ein generelles Umdenken stattfinden.

Der steigende Einsatz von Ressourcen führt auch dazu, dass immer mehr Rohstoffe in kurz- oder langlebigen Produkten gebunden sind. Wie lassen sich diese „gebundenen Potenziale“ oder auch „urbanen Minen“ effizienter nutzen, um Rohstoffe schneller zurück zu gewinnen?
Gotthard Walter: Vielfach mangelt es einfach an dem Wissen, welches Potenzial in den anthropogenen Lagerstätten, wie Geräten oder Gebäuden steckt, bzw. wie wir dieses in den Kreislauf zurückführen können.
Bei Elektroaltgeräten ist die Unkenntnis besonders groß, weil die Hersteller sich nicht in die Karten schauen lassen. Die Identifikation der Potenziale ist jedoch unerlässlich, ebenso die Kenntnis, wie man an die Wertstoffe gelangt.
Hilfreich wäre, bei der Entwicklung eines Produktes bereits an die spätere Entsorgung zu denken und ein Design for Recycling zu konzipieren.

Die Entsorgungs- und Recyclingwirtschaft leistet ja schon einen wichtigen Beitrag zur Rohstoffversorgung durch Rückgewinnung von Rohstoffen. Kann bzw. muss dieser Prozess noch effizienter gemacht werden?
Gotthard Walter: Die größte Herausforderung liegt in der unterschiedlichen Interessenlage der beteiligten Partner, die nicht unbedingt miteinander harmonieren. Beispiel Baubranche: Der Architekt möchte das Gebäude nicht nur schnell, sondern auch unter bestimmten Designgesichtspunkten errichten. Ob die zum Einsatz gelangenden Baustoffe sich auch unter Recyclingaspekten eignen, ist oftmals eher zweitrangig. Ganz aktuell diskutiert die Branche über das Wärmedämmverbundsystem, das bei der späteren Entsorgung Probleme bereiten kann.  Alternativen gibt es, die hohen Kosten halten jedoch viele Verantwortliche davon ab, sich für das bessere Recyclingprodukt zu entscheiden.
Bei seltenen Metallen und Erden ist die Problematik ähnlich. Vor vier Jahren begann man diese Rohstoffe zurückzugewinnen. Damals waren die Preise am Weltmarkt spekulativ, obwohl es keine Knappheit gab. Mit der Öffnung weiterer Minen sanken die Preise, was dazu führte, dass das Interesse am Recycling nachließ. Alle Technologien, die man entwickelt hatte, rechneten sich unter dem Strich nicht mehr.

Gerade dem Bausektor kommt im Hinblick auf eine effiziente Ressourcennutzung eine sehr wichtige Bedeutung zu.
Gotthard Walter: Aktuelle Schätzungen haben ergeben, dass in Gebäuden, leitungsgebundener Infrastruktur und Haustechnik sehr viel Material, wie Metalle, mineralische Materialien und Stahl, gebunden ist. Der weitaus größte Teil des Lagers entfällt auf den Gebäudesektor. Über 55 Prozent der Lagermassen sind in Wohn- und Nichtwohngebäuden gebunden. Der Rest ist im Tiefbau, der die Infrastrukturen für Energie, Trink- und Abwasser sowie Kommunikationsnetze umfasst, enthalten. Betrachtet man die damit verbundenen Rohmaterialwerte, so liegt der reine Materialwert des anthropogenen Lagers bei 13.000 Milliarden Euro.
Der Baubereich ist aufgrund seiner großen Mengen mit etwa 200 Millionen Abfällen pro Jahr ein sehr relevanter Bereich, um über das Recycling nachzudenken. Problematisch ist, dass durch die zunehmende Verwendung multifunktionaler Bau- und Werkstoffe sich der Rückbau und die Rückgewinnung hochwertiger Sekundärrohstoffe für die Abbruch- und Recyclingunternehmen jedoch immer schwieriger gestalten und so für die Unternehmen oftmals nicht wirtschaftlich sind. Die strukturelle Komplexität der Verbundwerkstoffe und deren zum Teil noch unbekannte Umweltrelevanz stellen zudem eine Herausforderung für die Materialkreisläufe dar, weil für diese Produkte noch keine Kreislaufwirtschaftstechnologien vorliegen. Außerdem ist bei einer Kontamination der klassischen Stoffströme (mineralische Baustoffe) mit Verbundstoffen auch die Wertschöpfung beim Recycling dieser wichtigen Sekundärrohstoffe gefährdet.
Erste Erfahrungen mit hochwertigen Verwertungsansätzen, zum Beispiel über den Einsatz von Recyclingbeton, liegen zwar vor, es fehlen aber noch weitergehende Erkenntnisse für die unterschiedlichen Einsatzfelder und die notwendige flächendeckende Akzeptanz.
Hemmnisse liegen zudem in der Planung und Bauausführung, da es an der Dokumentation der eingesetzten Materialien oder den Budgetvorgaben des Bauherrn mangelt. Auch in der Bauproduktentwicklung gibt es Handlungsbedarf. Es fehlen Anreize, mit denen die Entwicklung rückbaufreundlicher Ansätze honoriert wird.
Dennoch darf man nicht vergessen, dass Recycling um jeden Preis nicht immer der bessere Weg ist, und zum Beispiel das Verbrennen eine sinnvolle Alternative darstellt.

Welche  Ansätze, Instrumente oder ökonomischen Anreize bieten sich an, um die zukünftige Ressourcensicherung in einem nachhaltigen Geschäftsmodell zu verankern?
Gotthard Walter: Maßnahmen, um das Ressourcenpotenzial urbaner Minen effizient zu nutzen, führen nur zum Erfolg, wenn die komplette Kette von der Gewinnung der Primärressourcen, über die Herstellung und Nutzung bis zum Recycling genutzt wird. Hilfreich könnten zum Beispiel ökonomische Anreize, wie der Emissionshandel oder eine Rohstoffsteuer, sein.
Die Entwicklung nachhaltiger Geschäftsmodelle stellt eine weitere interessante Option dar. Hier bleiben die Rohstoffe im Eigentum des Produzenten, der Kunde erwirbt nicht das Produkt, sondern die Dienstleistung. Zum Beispiel wird nicht die Lampe gekauft, sondern das Licht. Vorstellbar ist diese Idee auch im Innenausbau. Der Baustoffproduzent stellt Module auf Leasingbasis für den Innenausbau zur Verfügung. Soll der Raum neu gestaltet werden, nimmt der Produzent die alten Module zurück. Er weiß, welche Stoffe in dem Produkt gebunden sind und führt sie in den Kreislauf zurück.
Es braucht jedoch Zeit, bis solche Modelle in der Praxis funktionieren. Uns geht es immer noch zu gut, wir sitzen auf der Habenseite. Manche neuen Ideen funktionieren dann doch sehr schnell, weil die Wirtschaft sich hier sehr stark ins Zeug gelegt hat. Beispiel E-Bikes. Viele Jahre wurden die Zweiräder belächtet, mittlerweile boomt der Markt. In Münster gibt es mittlerweile verschiedene Velo-Routen, um die Menschen für das Rad zu begeistern und den Autoverkehr zu reduzieren.