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Interview: Handwerk 4.0

„Die Digitalisierung ist eine Chance für den Arbeitsmarkt“

Talente für das Handwerk begeistern und optimal ausbilden: Als Unternehmen der Stiftung Bildung & Handwerk, führt das tbz Paderborn zahlreiche Projekte für deutsche und zugewanderte Nachwuchskräfte durch. Wie die Digitalisierung das Handwerk verändert und wie die berufliche Integration von Flüchtlingen gelingen kann, erklärt tbz-Geschäftsführer Ergün Emir im Interview.  

Ergün Emir

tbz-Geschäftsführer Ergün Emir: „Die digitalen Technologien erfordern eine inhaltliche Anpassung der Ausbildungsberufe und verändern unsere Produkte, Geschäftsprozesse und Geschäftsmodelle.“

Herr Emir, über die Digitalisierung der Wirtschaft wird aktuell viel diskutiert. Doch was bedeutet Handwerk 4.0 ganz konkret?
Ergün Emir: Die Digitalisierung beeinflusst sowohl Unternehmen als auch Kunden in vielen Bereichen positiv und sorgt für Zeit- und Ressourceneinsparungen. Das smarte Handwerk optimiert Schnittstellen also digital. Durch die Vernetzung und Integration der Arbeitsprozesse stehen Werkstatt, Lager und Baustelle im stetigen Austausch. Auch die Kunden profitieren von der erhöhten Transparenz, erhalten Überblick über die Projektstruktur und profitieren von passgenauen Angeboten.

Laut einer Studie des Bildungsministeriums sind 82 Prozent der 14- bis 19-Jährigen motivierter, wenn sie mit digitalen Medien lernen. Wie verändert der technologische Fortschritt die Ausbildung im Handwerk?
Ergün Emir: Die digitalen Technologien erfordern eine inhaltliche Anpassung der Ausbildungsberufe und verändern unsere Produkte, Geschäftsprozesse und Geschäftsmodelle. Wir vermitteln daher Jugendlichen, Lehrlingen und Meisterschülern eine moderne, zukunftsorientierte Ausbildung und achten auf eine fundierte Vermittlung der Digitalkompetenz.

Was entgegnen Sie Menschen, die Angst haben, dass die Digitalisierung Arbeitsplätze vernichtet?
Ergün Emir: Die Digitalisierung steht für Innovation, Fortschritt und gleichzeitig für die Angst vor dem Jobverlust. Die um sich greifende Vernetzung der Maschinen führt nicht dazu, dass keine Arbeitskräfte mehr benötigt werden. Tatsächlich ist die Digitalisierung eine Chance für den Arbeitsmarkt, denn sie führt zu sinkenden Produktionskosten und Angebotspreisen. Maschinen werden sicherlich teilweise menschliche Arbeit ersetzen. Allerdings hat und wird sich auch die Arbeitsnachfrage erhöhen. Es wird Verschiebungen zwischen Berufen, Sektoren oder Regionen geben. Die Angst, dass die Digitalisierung Jobs vernichtet, teile ich aber nicht.

Viele junge Menschen entscheiden sich heute für ein Studium. Welche Vorteile hat die „Karriere mit Lehre“?
Ergün Emir: Eine Berufsausbildung bietet Jugendlichen eine ganze Reihe von Vorteilen, wie ein eigenes Einkommen und den direkten Einstieg in das Berufsleben. Die Azubis durchlaufen verschiedene Abteilungen und sammeln wertvolle Praxiserfahrung. Nach der Berufsausbildung stehen die Chancen auf eine Übernahme so gut wie noch nie zuvor. Denn das Handwerk ist immer auf der Suche nach Gesellen, denen perspektivisch ein langanhaltender Vertrag angeboten werden kann. International sind die deutschen Ausbildungsabschlüsse hoch anerkannt, was die Karrierechancen auch im Ausland erhöht. Unser Bildungssystem ist zudem sehr durchlässig, so dass der Geselle jederzeit die Möglichkeit hat, sich fortzubilden und beispielsweise durch den Besuch eines Meistervorbereitungslehrgangs beim tbz seinen Meistertitel zu erlangen.

Mit dem Projekt „Perspektiven für junge Flüchtlinge im Handwerk“, fördert das tbz im Auftrag der Agentur für Arbeit die berufliche Integration von Flüchtlingen. Wie läuft diese Berufsorientierung genau ab?
Ergün Emir: Unser Projekt richtet sich an junge Asylbewerber unter 25 Jahren mit guter Bleibeprognose, die eine Ausbildung oder berufliche Qualifikation anstreben. Im Fokus stehen die Kompetenzfeststellung, der Erwerb berufsbezogener Sprachkenntnisse sowie das Sammeln von Praxiserfahrung in unseren Werkstätten.

Handwerksbetriebe suchen Nachwuchstalente, Flüchtlinge möchten arbeiten. Eigentlich eine optimale Kombination. Wo gibt es Ihrer Meinung nach noch Verbesserungspotenzial?
Ergün Emir: Unsere Handwerksunternehmen bieten den Flüchtlingen verschiedene Alternativen an: Praktikum, Ausbildung oder sogar eine reguläre Beschäftigung. Da muss ich unseren Betrieben ein großes Kompliment machen, die mit dem tbz sehr gut  kooperieren. Bis jedoch ein Flüchtling in den Arbeitsmarkt integriert ist, dauert es etwa fünf Jahre. Da ist etwas Geduld gefragt. Unsere Handwerker sind weltweit führend, die berufliche ist der akademischen Ausbildung gleichgestellt. Die digitale Welt findet sich in den Ausbildungsordnungen längst wieder. Das wissen diese Jugendlichen alles nicht. Wir müssen es ihnen also erklären und zeigen, damit sie Geschmack an einer Karriere im Handwerk finden.