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Interview: „Grüne Gründungen sorgen in ganz vielen Bereichen für frischen Wind“

Grüne Gründungen zählen nicht nur zu den vier größten Gründungsbereichen in Deutschland, sondern sorgen auch für eine positive Gründungsdynamik. Dr. Ralf Weiß, Senior Researcher am Borderstep Institut im Forschungsfeld Sustainable Entrepreneurship, über die Notwendigkeit und das Potential grüner Gründungen.

Warum braucht unsere Wirtschaft zukünftig mehr grüne Gründungen?

Dr. Ralf Weiß, Senior Researcher am Borderstep Institut: „Bundesweit hat etwa jede siebte Gründung einen grünen Geschäftsfokus.“

Dr. Ralf Weiß, Senior Researcher am Borderstep Institut: „Bundesweit hat etwa jede siebte Gründung einen grünen Geschäftsfokus.“

Dr. Weiß: Jahr für Jahr werden in Deutschland rund 2,5 Prozent weniger Unternehmen mit größerer wirtschaftlicher Bedeutung gegründet. Die Gründungszahlen im Bereich der Green Economy haben dagegen insbesondere zwischen 2010 und 2012 zweistellig zugelegt. Grüne Gründungen zählen damit nicht nur zu den vier größten Gründungsbereichen, sondern sorgen auch für eine positive Gründungsdynamik. Alleine im Energiebereich haben Gründungen mit ihren oft bahnbrechenden Innovationen einen maßgeblichen Anteil an der Energiewende. Dies gilt sowohl für Wind- und Solarenergie, aber auch für Themen wie Energiespeicher und virtuelle Kraftwerke oder Energiegenossenschaften. Grüne Gründungen sorgen in ganz vielen Bereichen für frischen Wind, sei es bei Schulranzen aus recycelten PET-Flaschen, bei abbaubaren Löschschäumen oder bei biologischen Erfrischungsgetränken. Junge Unternehmen verändern unsere Wirtschaft in ähnlicher Weise wie bürgerschaftliches Engagement unsere Gesellschaft prägt. Die grüne Wirtschaft benötigt deshalb sowohl Innovationen, Information und Kampagnen als auch gute und erfolgreiche Start-ups.

Was muss getan werden, damit grüne Geschäftsideen bzw. Start-up´s mehr Aufmerksamkeit erhalten?

Dr. Weiß: Eine stärkere Beachtung grüner Gründungen fängt bereits bei der Gründungsstatistik an. Mit einer regelmäßigen Erfassung von Gründungszahlen und – trends für die verschiedenen Bereiche der Green Economy kommt die Relevanz grüner Gründungen ganz unmittelbar ins Blickfeld. Genauso intensiv wie wir uns mit der Entwicklung und der Förderung von High-Tech-Gründungen oder IT-Gründungen auseinandersetzen, sollten wir auch über den Gründungssektor Green Economy diskutieren. Aus diesem Grund hat das Borderstep Institut bereits zum zweiten Mal den Green Economy Gründungsmonitor veröffentlicht. Grüne Gründungen finden zunehmend auch Beachtung in Gründerwettbewerben wie dem KUER-Gründungswettbewerb oder bei Gründer- und Innovationszentren, die sich beim ADT-Bundesverband in einer Arbeitsgruppe organisiert haben. In der Öffentlichkeit sollte auch viel mehr über die grünen Pioniere berichtet werden und es sollte beispielsweise mehr Auszeichnungen für sie geben.

Vor dem Hintergrund der Ergebnisse des „Green Economy Gründungsmonitors“: Aus welchen Branchen kommen die meisten „grünen Gründer“ und wo gibt es noch zu wenige?

Dr. Weiß: Bundesweit hat etwa jede siebte Gründung einen grünen Geschäftsfokus. Zu den Wirtschaftssektoren mit einem überdurchschnittlichen Anteil grüner Start-ups zählen vor allem der Energiesektor, das Baugewerbe und die Industrie. Der Wandel im Bereich der Energieversorgung ist dabei überraschend deutlich an den Neugründungen ablesbar. Hier sind die Gründungszahlen entgegen dem allgemeinen Gründungstrend in der vergangenen Dekade nicht nur deutlich angestiegen. Mit einem Anteil von 86 Prozent grünen Gründungen wird deutlich, dass junge Unternehmen im Energiesektor voll auf Erneuerbare Energien setzen und wichtiger Treiber der Energiewende sind. Mehr als jede vierte Gründung bietet auch im Bausektor grüne Lösungen vor allem im Bereich Energieeffizienz an. Im Verarbeitenden Gewerbe gehören die Elektroindustrie, der Maschinenbau und die Chemieindustrie zu den Branchen mit einem überdurchschnittlichen Anteil grüner Gründungen. Im Gastgewerbe, dem Einzelhandel oder der Landwirtschaft ist der grüne Gründungstrend weniger spürbar, obwohl hier sicher große Bedarfe und Chancen liegen.

Welchen Stellenwert hat Deutschland im internationalen Vergleich im Bereich „Green Economy Gründungen“?

Dr. Weiß: Beim Bereich GreenTec hat Deutschland international eine führende Rolle. Gemessen am Weltmarktanteil Deutschlands haben Technologien für Umwelt- und Ressourcenschonung sogar eine überproportionale Bedeutung. Für den Gründungsbereich gibt es hier bisher kaum Vergleichsdaten. Bezogen auf grüne Start-ups in Gründerzentren sehen wir beispielsweise in Kalifornien eine hohe Dynamik. Grundsätzlich ist die Gründungsneigung in Deutschland im internationalen Vergleich eher eine Schwäche und nehmen wir an, dass das Bild bei grünen Gründungen zwar etwas besser ausfällt, jedoch auch verbessert werden kann. Angesichts der hohen wirtschaftlichen und umweltpolitischen Bedeutung besteht sicher auch ein Bedarf für vergleichende Studien zum internationalen Gründungsgeschehen im Bereich der Green Economy.

Wie und wo müssen grüne Gründungen stärker unterstützt werden?

Dr. Weiß: In Deutschland verfügen wir insgesamt über eine sehr gute Gründungs- und Innovationsförderung. Lücken und Bedarf bestehen vor allem bei der Finanzierung von Start-ups, insbesondere in der Wachstumsphase. Dies gilt auch für grüne Start-ups. Wie die Zahlen des Global Entrepreneurship Monitors zeigen, liegt eine der größten Schwächen des deutschen Gründungssystems in der schulischen Gründungsausbildung. Gründungen im Bereich der grünen Wirtschaft sind insofern auch ein Thema für Schulen, die hier wichtige Grundlagen für eine Wirtschafts- und Berufsbildung im Kontext von Nachhaltigkeit und Green Economy legen und zu einer Verbesserung der Gründungskultur beitragen können.