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Interview: „Wir können eine Bewegung lostreten“

Torsten R. Bendlin, Geschäftsführer und Gründer der Valuedesk GmbH, Bielefeld, über seine Idee, mit künstlicher Intelligenz zum günstigsten Einkaufspreis zu gelangen. 

Torsten R. Bendlin

Torsten R. Bendlin: „Der allererste Nutzen liegt darin, alle Einkaufs- und Optimierungsmaßnahmen in einer zentralen Datenbank zu verwalten.“

Skizzieren Sie Ihre Geschäftsidee.
Torsten R. Bendlin: Die Digitalisierung im strategischen Einkauf bezieht sich auch im Jahr 2017 fast ausschließlich auf die Nutzung von Excel-Tabellen. Mit unserem Tool können mittelständische Unternehmen ihre Einsparpotenziale einfach transparent und analysierbar machen. Die Idee entstand vor dem Hintergrund, dass die wettbewerbsintensive Industrie mit starkem Preisdruck zu kämpfen hat und Einsparungen immer wichtiger werden. Valuedesk strukturiert Einsparungsmaßnahmen und bietet die Möglichkeit, Transparenz über bestehende Vorhaben und Ideen zu schaffen. Im nächsten Schritt wird das Team, bestehend aus Mathematikern und Software-Entwicklern, eine künstliche Intelligenz (KI) entwickeln, die automatisiert Vorschläge für Einsparmaßnahmen generiert.

Was bedeutet für Sie Innovation?
Torsten R. Bendlin: Grenzen zu überschreiten und Lösungen zu kombinieren, die einen echten Mehrwert schaffen. Ein Beispiel aus unserem Produkt: wir haben uns von dem Nachrichtenfeed von Facebook und Linkedin inspirieren lassen, um innerhalb der Unternehmen mehr Aufmerksamkeit auf Einsparungs- und Optimierungsideen zu richten. Warum werden Maßnahmen nicht mit Fotos unterstützt? Dies gibt es so noch nicht und bietet nicht nur den Einkaufsabteilungen die Möglichkeit, endlich mehr internes Interesse auf ihre Maßnahmen zu erhalten. Denn das Problem ist oft nicht eine Idee zu entwickeln, sondern deren Umsetzung und dazu benötigen die Bereiche entsprechende Aufmerksamkeit.

Wie hat sich aus Ihrer Idee die Leidenschaft entwickelt, ein eigenes Unternehmen zu gründen?
Torsten R. Bendlin: Wenn man meint zu erkennen, dass Probleme gelöst werden können und niemand so wirklich den Mut hat, das Thema anzugehen. Wobei ich mich nur als Initiator beschreiben würde, der einen Prozess ins Rollen gebracht hat. Lösen kann man das Problem nicht alleine, aber die Menschen die das gemeinsam lösen können, kann man zusammenbringen. Damit meine ich nicht nur Kollegen, sondern die Mitarbeiter im Mittelstand als eine Art Community. Wenn man merkt, dass alle daran mitwirken wollen, macht einen das glücklich.

Welche Lösungsmöglichkeiten bieten Sie und wo liegt der Nutzen?
Torsten R. Bendlin: Der allererste Nutzen liegt darin, alle Einkaufs- und Optimierungsmaßnahmen in einer zentralen Datenbank verwalten zu können. Diese ist startup-typisch sehr smart zu bedienen. In weniger als zehn Sekunden haben Sie Ihre Idee für eine Maßnahme per Smartphone oder am Desktop erfasst. Danach erfolgt der Workflow-Prozess um aus einer Idee eine realisierte Maßnahme mit entsprechendem Finanzeffekt zu generieren. Das Tool ist dabei eine Art digitale Klammer aller Maßnahmen und baut im Hintergrund eine Wissensdatenbank auf. Um das Ziel einer künstlichen Intelligenz für eine selbstlernende Einkaufsoptimierung (SEKO) zu erreichen, sind neue Informationen notwendig. Wie zum Beispiel die Kategorisierung der Maßnahmen, oder deren Abbruchsgründe. Am Ende des Tages wird Valuedesk zu mehr Einsparungen in den Unternehmen führen und dies steigert die Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig.

Haben Sie externe Personen als Berater hinzugezogen?
Torsten R. Bendlin: Durch die Founders Foundation gGmbH, einer Tochtergesellschaft der Bertelsmann-Stiftung, haben wir die beste Unterstützung erfahren, die man sich als junges Unternehmen vorstellen kann. Zunächst haben wir Ende 2016 die Founders Akademie besucht und dort gelernt, wie man digitale Business-Geschäftsmodelle entwickelt. Prof. Dr. Jan Brinckmann, der die Akademie leitet, hat uns nicht nur angeboten unser Business Angel zu werden, sondern hat auch ein erstes Seed-Investment platziert. Seit April dieses Jahres werden wir im Rahmen des Founders Camp in einem sechsmonatigen Programm mit einer Vielzahl von Beratern unterstützt.

Hatten / haben Sie Probleme bei der Finanzierung?
Torsten R. Bendlin: Durch das große Vertrauen, welches uns ein Unternehmerehepaar gegeben hat, haben wir sehr früh ein mittleres 6-stelliges Darlehen erhalten. Ihnen war es ein besonderes Anliegen uns zu unterstützen, ohne Anteile an der Firma zu erhalten.
Zusätzlich haben wir ein Agreement mit einem Bielefelder Unternehmer für ein weiteres Investment und das zu einer fairen Bewertung.

Suchen Sie Investoren?
Torsten R. Bendlin: Derzeit sind wir finanziell so aufgestellt, dass wir unsere Wachstumsziele erfüllen und weitere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einstellen können. Wir planen für Anfang 2018 in die ersten Gespräche für eine Series A zu gehen, die wir wohl Mitte 2018 closen wollen.

Suchen Sie Kooperationsmöglichkeiten bzw. etablierte Unternehmen, mit denen Sie kooperieren möchten?
Torsten R. Bendlin: Wir freuen uns über jeden weiteren Teilnehmer, der mit uns in unseren value.community-Workshops an den Problemstellungen aus dem industriellen Alltag, als auch an unserer Vision arbeiten möchten. Wenn wir es schaffen, einen echten OWL-Verbund aufzubauen, dann könnte das beispielhaft für die Digitalisierungs-Offensive aus der Region sein. Wobei wir konkret und „Hands-on“ an den Themen arbeiten.

Falls Sie schon mit Kooperationspartnern zusammenarbeiten, wie funktioniert die Kooperation?
Torsten R. Bendlin: Mit Einkaufsmitarbeitern der Firmen Schüco, Miele, Baumann-Group (Bauformat), BOGE, Reifenhäuser, Nolte-Küchen und weiteren treffen wir uns in unregelmäßigen Abständen. Es gibt immer ein zentrales Thema, wie beispielsweise mit welchen Werthebeln wird gearbeitet? Schaffen wir einen gemeinsamen Standard? Es sind sehr konstruktive Gespräche, die nebenbei noch die Vernetzung untereinander fördern. Wir lernen von der Industrie, und die Industrie erhält direkten Input und echtes Startup-Feeling. Ein Gewinn für alle Beteiligten.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie bzw. wie wollen Sie Ihr Personal rekrutieren?
Torsten R. Bendlin: Wir sind derzeit ein Team von fünf Personen und suchen zielgruppengerecht. Unsere Entwickler haben die Stellenanzeige selbst so formuliert, wie sie sich am besten angesprochen fühlen würden. Da kommt dann auch mal was bei raus, was man alleine so nicht geschrieben hätte. Die Mailadresse für Web-Developer, die wir suchen lautet: freibier@valuedesk.de. Die suchen wir über Aushänge in den lokalen Universitäten. Aber natürlich nutzen wir auch die sozialen Medien wie Facebook und Xing. Das Wichtigste neben dem Talent ist das Commitment alles zu geben und die Chancen eines jungen Startups zu erkennen. Wer einen Job von 9-to-5 erwartet, ist bei einem Startup an der falschen Adresse. Wir bieten die einmalige Chance, ein Zukunftsunternehmen mit aufzubauen zu können. Voraussetzung ist eine unternehmerische Denke auf allen Positionen.

Haben Sie den Markteintritt schon vollzogen bzw. wann soll der Markteintritt erfolgen?
Torsten R. Bendlin: Mit dem 1. Juli 2017 haben wir den ersten Kunden angebunden. Am 10. April haben wir die Valuedesk GmbH gegründet. Das bedeutet, dass wir nach drei Monaten mit dem ersten Industriekunden gestartet sind. Daran kann man erkennen, dass Unternehmen in der Region den Mut haben, mit Startups tatsächlich zusammen zu arbeiten. Wenn wir den Mittelstand in OWL überzeugen können, dann schaffen wir das auch in anderen Regionen.

Mit welchen Problemen / Herausforderungen beschäftigen Sie sich aktuell? (z.B. fehlende Mitarbeiter, Bürosuche, Suche nach geeigneten Kooperationspartnern, Erschließung neuer Märkte etc.)
Torsten R. Bendlin: Startups sind in der Regel „Wissensproduzenten“. Daher sind Mitarbeiter tatsächlich das wichtigste Gut für uns. In diesem Punkt sind die etablierten Unternehmen zumindest zum Teil Wettbewerber um die besten Talente. Bei sogenannten Hackathons – also Entwicklungswettbewerben an einem Wochenende – nutzen auch die Unternehmen immer mehr die Gelegenheit, in den direkten Kontakt mit den Kandidaten zu treten. Dennoch haben wir gute Chancen, da wir Alleinstellungsmerkmale wie zum Beispiel Beteiligungsproramme und einen einzigartigen Gründer-Spirit bieten.

Was war für Ihr Unternehmen bzw. für Sie bisher der größte Erfolg?
Torsten R. Bendlin: Das in gewissen Teilen der sogenannte Pulleffekt eingetreten ist. Menschen und Unternehmen die von uns gehört haben, treten mit uns in Kontakt und wollen mit dabei sein. In welcher Form auch immer. Mal als Teilnehmer unserer value.community-Workshops, oder als interessierte Begleiter. Wenn daraus später Kunden oder Mitarbeiter werden, freut uns das. Das ist aber keine Bedingung. Wir wollen auch in Zukunft glaubhaft verkörpern, dass wir mehr sind als eine Software-Firma. Wir glauben daran, dass wir eine Bewegung lostreten können.

Was war die wichtigste Lektion bzw. was haben Sie von anderen gelernt?
Torsten R. Bendlin: Von den mittlerweile vielen befreundeten Startups aus der Region haben wir gelernt, gleich zu Beginn in die richtige Unternehmensstruktur zu investieren. Auch wenn dies zum Start zunächst nicht sinnvoll erscheint. Eine persönliche Beteiligungsfirma vorab zu gründen, daran hätte ich nicht gedacht. Es gehört auch dazu, von Anfang an unter den Co-Foundern die detaillierten Bedingungen auszuhandeln. Dies versäumen einige Gründer und haben möglicherweise später die Probleme in ungeklärten Punkten.

Sind Sie mit der bisherigen Entwicklung zufrieden?
Torsten R. Bendlin: Als Unternehmer kann man nie zufrieden sein. Das Onboarding von neuen Kunden dauert derzeit noch zulange. Tatsächlich haben wir eine Warteliste. Das klingt zwar gut, darf aber bei einem digitalen Unternehmen nicht vorkommen. Aus heutiger Sicht hätten wir gleich von Anfang noch mehr Entwickler einstellen müssen. Dadurch haben wir Zeit verloren.

Wo werden die größten Herausforderungen in den nächsten zwölf Monaten voraussichtlich liegen?
Torsten R. Bendlin: Unsere Vision einer künstlichen Intelligenz für eine selbstlernende Einkaufsoptimierung (SEKO) Wirklichkeit werden zu lassen. Dazu sind nach heutiger Erkenntnis viel mehr Daten notwendig, als wir bislang angenommen haben. Unsere Mathematiker werden das alleine nicht schaffen. Vor allem in diesem Punkt, sind wir auf eine starke Allianz mit den Unternehmen in OWL angewiesen. Insbesondere in der Vernetzung mit der Industrie, müssen wir in Deutschland unsere Stärken ausspielen. Es ist Zeit zum Handeln.