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Fortschrittskolleg: Gestaltung von flexiblen Arbeitswelten

Wie arbeiten wir morgen?

Automatisierung und Digitalisierung verändern Arbeit und Leben rasant. Die digitale Revolution schafft neue Märkte und Produkte und verlangt nach neuen Modellen für Arbeit und Produktion für Beschäftigte und Unternehmen. Diese Veränderungen bieten Chancen und bergen Risiken; sie wecken Hoffnungen und schüren Ängste.

Foto:  abidal

Foto: abidal

Es ist sechs Uhr morgens, der Mitarbeiter betritt seinen Arbeitsplatz, freundlich begrüßt ihn seine Maschine, mit der er den heutigen Arbeitstag verbringen wird. Sie „registriert“ seinen Gesichtsausdruck und erkennt die Müdigkeit ihres Gegenübers zu früher Stunde. Ihr ist klar, dass ihr menschlicher Kollege heute nicht in bester Verfassung ist, dass es länger braucht, bis sie durchstarten kann. Also stellt sie sich auf ihn ein, um es ihm leichter zu machen. So oder ähnlich kann der Arbeitsalltag in der digitalen Fabrik aussehen.

Mit dieser vielschichtigen Thematik beschäftigt sich der Bielefelder Doktorand Torben Töniges. Er ist einer von zehn Wissenschaftlern, die sich im Rahmen des vom Land Nordrhein-Westfalen geförderten Fortschrittskollegs „Gestaltung von flexiblen Arbeitswelten – Menschen-zentrierte Nutzung von Cyber-Physical Systems in Industrie 4.0“ mit der Digitalisierung der Arbeitsprozesse und den Konsequenzen für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beschäftigen. Es ist kein Projekt, das im Elfenbeinturm der Hochschule stattfindet. Vielmehr geht der Forschungsansatz des Fortschrittskollegs über die Zusammenarbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen und projektbezogenen Nutzerakzeptanzstudien für technische Produkte hinaus. Der Wandel der Arbeitswelt und die damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen stehen im Fokus des Projektes. Deshalb sind die IG Metall, die Technologieberatungsstelle beim DGB NRW e.V., der Spitzencluster „it’s OWL“ und das regionale Innovationsnetzwerk „Energie Impuls OWL e.V.“ als Partner in das Fortschrittskolleg eingebunden. Sie liefern den praxisbezogenen Blick auf wissenschaftliche Fragestellungen, wie zum Beispiel: Welche Konsequenzen hat die Digitalisierung der Arbeitsprozesse für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer? Was ist eine faire Mensch-Maschine-Interaktion und wie sollte sie gestaltet sein? Wo verläuft die Grenze zwischen Assistenz und Überwachung durch intelligente technische Systeme?

Professor Dr. Eckard Steffen, Geschäftsführer des PACE   (Foto: Uni PB)

Professor Dr. Eckard Steffen, Geschäftsführer des PACE (Foto: Uni PB)

„Die Vernetzung von Arbeitsprozessen rückt auch die Interaktion technischer Systeme mit dem Menschen in den Fokus. Assistenzsysteme sollen den Menschen optimal bei seiner Arbeit unterstützen und maximale Sicherheit bieten. Dieses kann nur gelingen, wenn das System soziale Intelligenz besitzt und auf die sozialen Signale der Mitarbeiterin oder des Mitarbeiters adäquat reagieren kann“, beschreibt Professor Dr. Eckard Steffen, Geschäftsführer des PACE (Paderborn Institute for Advanced Studies in Computer Science and Engineering) an der Universität Paderborn und Koordinator des Fortschrittskollegs, die Herausforderung.

Für Torben Töniges überwiegt der Nutzen in der Mensch-Maschine-Interaktion.
„Eine Maschine, die erkennt, wie der menschliche Kollege sich fühlt, die reagieren kann, damit nicht aufgrund von Unkonzentriertheit ein Fehler passiert, kann hilfreich sein und die Sicherheit für den Menschen erhöhen“, so der Wissenschaftler.

Reagiert sie bzw. er auf bestimmte Arbeitsschritte mit Irritation, dann klärt das Assistenzsystem mit ihr bzw. ihm, ob relevante Informationen bezüglich der Arbeitsschritte fehlen oder ob es beispielsweise krankheitsbezogene Gründe für bestimmte Ausdrücke gibt. Dadurch kann das System flexibel auf die Mitarbeiterin bzw. den Mitarbeiter reagieren und sowohl die Arbeitssicherheit als auch die subjektive Zufriedenheit des Mitarbeiters mit der Arbeit deutlich verbessern. Obwohl er auch mögliche Gefahren nicht von der Hand weist: „Die Thematik birgt enormen Diskussionsbedarf“.

Kritiker führen gerne eine mögliche Überwachung des Menschen an. Wie viele Daten speichert die Maschine? Können diese zur Darstellung der Leistungsfähigkeit des Mitarbeiters genutzt werden? Muss er um seinen Arbeitsplatz bangen, wenn die Maschine ihm überlegen ist?

„Die aktuelle Entwicklung hat eine Know-how-Verlagerung zur Folge. Während früher der Mensch mit seinen Fähigkeiten die Maschine bediente, ist heute ein stärker werdender Abfluss des Know-hows an die Maschine festzustellen. Das bedeutet auf der einen Seite, dass die Maschine produktiver wird, auf der anderen Seite nimmt der Mensch eine andere Bedeutung ein. Er muss reagieren können, wenn es bei den sich selbst steuernden Maschinen Probleme gibt. Das setzt ein anderes Know-how voraus“, gibt Dr. Bernd Gröger, Leiter der Technologieberatungsstelle des DGB NRW, Regionalstelle Bielefeld, zu bedenken.
Sein Kollege von der IG Metall Minden argumentiert ähnlich.

„Es ist nur zu verständlich, dass es Mitarbeiter gibt, die Angst vor dieser Entwicklung haben. Wir werden daran arbeiten müssen, solche Situationen erst gar nicht entstehen zu lassen. Die Arbeitnehmer müssen in diesem für sie neuen Prozess mitgenommen werden, sie müssen verstehen, was geschieht, nur so schafft man Akzeptanz. Hier werden neue Qualifizierungsstrategien notwendig, die jeden Beschäftigten in die Lage versetzen, auch neue Aufgabenfelder zu übernehmen.“, sagt Lutz Schäffer.

In dem Wandel der Technik sehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in erster Linie ganz individuelle Chancen für jeden Einzelnen. Um den Anforderungen an den Menschen zur Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen und Technik gerecht zu werden, bedarf es einer lebendigen Weiterbildungs- und Lernkultur in den Unternehmen. Christoph Fischer beschäftigt sich in seinem Promotionsprojekt mit der Frage, wie das Konzept der Lernkultur genutzt werden kann, um den Veränderungen der Arbeitswelt durch Industrie 4.0 zu begegnen.

„Hier wird die Sicht des Menschen in den Vordergrund gestellt und untersucht, wie seine subjektiven Überzeugungen sowie Einstellungen die Wahrnehmung der betrieblichen Lernkultur beeinflussen und sich so auf sein Engagement im Wandel auswirken kann“, beschreibt der Erziehungswissenschaftler Christoph Fischer.

Statements:

Groeger BerndDr. Bernd Gröger, Leiter der Technologieberatungsstelle des DGB NRW, Regionalstelle Bielefeld

„Auch in den 70er Jahren gab es mit dem Einzug der Computer und Roboter in die Unternehmen das Horrorszenario von menschenleeren Fabriken. Millionen Arbeitsplätze in der Industrie gingen verloren, es blieb aber qualifizierte Facharbeit und es kam immer mehr prekäre Beschäftigung. Heute sind wir wieder an dem Punkt, an dem wir uns darum kümmern müssen, wie sich Menschen im Berufsleben weiterentwickeln müssen und was mit denen passiert, deren Arbeitsplätze durch die Digitalisierung wegfallen.“

SchäfferLutz Schäffer, erster Bevollmächtigter der IG Metall Minden

„Wir betrachten die Entwicklung zur Industrie 4.0 durchaus positiv. Die Chancen und Risiken, die sich aus der Digitalisierung für die Unternehmen und Beschäftigten ergeben, sind enorm. Und es betrifft bei weitem nicht nur die Industrie, sondern Unternehmen aller Branchen. Tatsache ist, dass sich die komplette Wertschöpfungskette und alles andere in der Gesellschaft verändern wird. Dennoch bleibt der Mensch in der künftigen Smart Factory ein ganz entscheidender Produktionsfaktor. Die Erfahrung und Kreativität der Beschäftigten sind unerlässlich für die intelligente Automatisierung.

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