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Die Wettbewerbsvorteile von Industrie 4.0

„Die Unternehmen müssen die Prinzipien der Digitalisierung verstehen“

Professor Dr.-Ing. Jürgen Gausemeier, Heinz Nixdorf Institut, Fachgruppe Strategische Produktplanung und Systems Engineering, über die Innovationsstärke deutscher Unternehmen, die Wettbewerbsvorteile von Industrie 4.0 sowie den wirkungsvollen Einsatz von IT-Lösungen.

Professor Dr.-Ing. Jürgen Gausemeier

Professor Dr.-Ing. Jürgen Gausemeier: „Obwohl jedes Unternehmen am Ende seinen individuellen Weg finden muss, wird es mehr denn je auf Kooperationen ankommen. Industrie 4.0 ist das Zeitalter der Allianzen.“

Herr Professor Gausemeier, Humankapital, Forschung und Entwicklung, wissensintensive Tätigkeiten – mit diesen Zutaten erwirtschaften hochentwickelte Länder wie Deutschland ihren Wohlstand und Unternehmen ihre Wettbewerbsstärke. Laut aktueller BCG-Rangliste haben jedoch die deutschen Unternehmen an Innovationskraft verloren und sind im Wettbewerb um die besten Ideen hinter die USA und Asien zurückgefallen. Welche Bedeutung hat vor diesem Hintergrund die Entwicklung neuer Technologien und digitaler Angebote?

Jürgen Gausemeier: Deutschland hat nicht an Innovationskraft verloren, sondern steht blendend da. Das unterstreicht beispielsweise der Innovationsindikator, der von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und dem BDI herausgegeben wird. Hier steht Deutschland mit aufsteigender Tendenz auf Platz fünf und auf Platz eins der größeren Volkswirtschaften. Besonders überzeugend ist die Position Deutschlands im Global Youth Development Index 2016, der die Chancen der Jugend in 180 Ländern ausdrückt. Deutschland steht hier auf Platz eins1! Weit dahinter USA (Platz 23) und China (Platz 118). Ich will noch konkreter werden: Deutschland führt unangefochten die 4. Industrielle Revolution an; aber auch auf Technologiefeldern, die ein sehr hohes Nutzenpotential aufweisen, haben wir eine exzellente Ausgangsposition. Das sind z.B. Autonome Systeme, Robotik, Maschinelles Lernen und Umwelttechnik. Unser Spitzencluster „Intelligente Technische Systeme OstWestfalenLippe (it´s OWL)“ gilt inzwischen als Vorbild zur Stärkung der Innovationskraft einer Region. Wir zeigen, wie Forschung auf neuen Technologiefeldern zu Innovationen – also Erfolg im Markt – führt und Innovationen zu Beschäftigung und Wohlstand führen. Diesen Erfolgskurs müssen wir beibehalten, Stillstand ist Rückschritt. Ich sehe eigentlich nur eine Gefahr, nämlich, dass wir zu technikzentriert agieren. Mehr denn je muss es uns gelingen, eine technologische Führerschaft in kommerziellen Erfolg umzusetzen. Dazu brauchen wir vor allem Dienstleistungs- und Geschäftsmodellinnovationen, Kooperationsplattformen, die Mobilisierung kleiner und mittlerer Unternehmen, viel mehr Unternehmensgründungen und last but not least die Partizipation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Zuge der Digitalisierung.

Die Industrie 4.0 ist längst keine Vision mehr ist – wer sie bereits umsetzt, genießt schon heute konkrete Vorteile. Eine aktuelle Untersuchung des Marktforschungsunternehmens IDC prophezeit: „Wer jetzt nicht die Weichen in Richtung Industrie 4.0 stellt, wird von seinen Wettbewerbern abgehängt“. Wo liegen die besonderen Wettbewerbsvorteile?

Jürgen Gausemeier: Diese ergeben sich vorderhand aus den Daten: Die Produkte und Systeme von morgen liefern via Internet unzählige Daten und können auch via Internet beeinflusst werden und ggf. ihr Verhalten ändern. Diejenigen sind im Vorteil, die aus Daten Dienstleistungsangebote erstellen und so ihre Sachleistungen um Dienstleistungen ergänzen. So kann beispielsweise ein Lieferant von Pumpen eine präventive Wartung anbieten, der genau zum richtigen Zeitpunkt kommt – nicht zu früh und auch nicht zu spät. Das spart auf beiden Seiten Zeit und Geld. Die Daten werden von vielen schon als Gold des 21. Jahrhunderts gesehen. Ein weiterer Wettbewerbsvorteil ergibt sich aus der Fähigkeit, dem Trend der Individualisierung gerecht zu werden. Mit Industrie 4.0 wird es aller Voraussicht möglich sein, ein kundenindividuelles Erzeugnis in kurzer Zeit zu den Kosten eines Großserienproduktes herzustellen. Die Reihe ließe sich nahezu beliebig fortsetzen. Entscheidend ist, dass die Unternehmen die Prinzipien der Digitalisierung und Industrie 4.0 verstehen und Phantasie entwickeln, wie Kundennutzen erzeugt werden kann, der am Ende zu einem attraktiven Return on Investment führt. Obwohl jedes Unternehmen am Ende seinen individuellen Weg finden muss, wird es mehr denn je auf Kooperationen ankommen – Kooperationen mit Hochschulen, vorwettbewerbliche Kooperationen und Kooperationen in Wertschöpfungsketten. Industrie 4.0 ist das Zeitalter der Allianzen. Der Spitzencluster unterstreicht das schon heute.

Größtmögliche Flexibilität bei der Beschaffung von IT-Ressourcen und eine schnelle Bereitstellung für IT- und geschäftliche Anwendungen zählen nach wie vor zu den wichtigsten Anforderungen deutscher Unternehmen. Cloud Services versprechen mehr Flexibilität beim Bezug und in der Bereitstellung von IT-Ressourcen. Wie wichtig ist das Thema für Unternehmen, die ihre digitalen Geschäftsprozesse voranbringen möchten? Wird dieses Potential hinreichend genutzt? Was empfehlen Sie Unternehmen?

Jürgen Gausemeier: Cloud Computing in seinen drei Ausprägungen Software-as-a-Service, Platform-as-a-Service und Infrastructure-as-a-Service zählt zweifelsohne zu den wesentlichen Bausteinen vieler Industrie 4.0-Lösungen. Allein schon die Vielschichtigkeit der Anforderungen an IT-Ressourcen macht es nahezu unmöglich, alle Lösungen im Rahmen klassischer Lizenzmodelle einzukaufen. Da wundert es mich nicht, dass Unternehmen heute die flexible Bereitstellung von IT-Ressourcen fordern. Ich glaube, dass das Potential von Cloud Computing den Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus wohl bekannt ist. Im Gegenteil: Manchmal muss ich Unternehmen in ihrer Euphorie für dieses Thema eher bremsen. Wir dürfen nicht übersehen, dass die geballte Einführung und Nutzung von IT-Ressourcen am Ende einer gut überlegten Handlungskette steht und nicht am Anfang; das Pferd darf nicht von hinten aufgezäumt werden. Das heißt konkret: Wirkungsvolle IT-Lösungen benötigen wohlstrukturierte Geschäftsprozesse; diese müssen wiederum einer Geschäftsstrategie und einem Erfolg versprechenden Geschäftsmodell folgen; Geschäftsstrategie und Geschäftsmodell müssen darauf abzielen, Erfolgspotentiale der Zukunft auszuschöpfen.