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Betriebliche Gesundheitsvorsorge

Wenn das Herz Alarm schlägt   

Herz-Kreislauf-Erkrankungen von Beschäftigten werden weiter zunehmen und damit die Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern ungünstig beeinflussen. Die Prävention im Unternehmen gewinnt einen immer größeren Stellenwert. 

Herz-Kreislauferkrankungen wie Herzinfarkt, Herzschwäche und Arteriosklerose sind in Deutschland die Todesursache Nummer eins. Schwere und Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden maßgeblich durch den Lebensstil beeinflusst. Je früher und intensiver die Risikofaktoren beseitigt werden, desto besser ist der Gesamterfolg für Leben und Gesundheit. Stress im Beruf, zu wenig Bewegung und falsche Ernährung sind häufige Ursachen von Herz-Kreislauf-Erkrankung. Physische und psychische Erschöpfungszustände spielen bei vielen berufstätigen Frauen und Männern eine zunehmende Rolle. Dauerstress schadet der Gesundheit. Vor allem Bluthochdruck, Diabetes mellitus und Fettstoffwechselstörungen erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen dramatisch.

„Gesunde und motivierte Mitarbeiter sind wichtig für den Erfolg jedes Unternehmens“, sagt Oberärztin Dr. Birgit Aue, Internistin und Sozialmedizinerin der Knappschafts-Klinik Bad Driburg, einer Schwerpunktklinik für kardiologische Rehabilitation, Präventions- und Therapiezentrum. Durch Präventionsprogramme könnten Erkrankungsrisiken deutlich sinken. Wenn Beschäftigte krankheitsbedingt ausfallen, geht nicht nur Arbeitszeit verloren, auch die Kosten steigen. Nur wer gesund ist und sich wohl fühlt, ist leistungsfähig. „In Sachen Prävention gibt es gerade in der Arbeitswelt allerdings noch immer Nachholbedarf. Ziel der betrieblichen Prävention sollte es sein, Menschen mit einem erhöhten Risiko frühzeitig zu erkennen und ihnen Angebote zu machen, mit deren Hilfe solche gesundheitlichen Risiken verringert werden können“, so Dr. Aue. Arbeitsmediziner und Betriebsärzte in Unternehmen hätten die Möglichkeit, Mitarbeiter während des gesamten Berufslebens für gesundheitsförderndes Verhalten zu sensibilisieren und sie bei der Umsetzung in den Lebensalltag zu unterstützen.

Ausgangspunkt ist die Erstellung eines persönlichen Herzinfarkt-Risiko-Profils durch einen Gesundheits-Check beim Hausarzt, Facharzt oder spezialisierter Fachklinik. Gesundheitschecks schaffen Transparenz über den aktuellen Zustand der Gesundheit, zeigen Potentiale auf und motivieren zu Veränderungen. Da sich die kardiovaskulären Risikofaktoren nicht nur addieren, sondern gegenseitig verstärken, wurden verschiedene Risikoalgorithmen bzw. Scores zur Errechnung des individuellen Risikos in Abhängigkeit von Alter, Geschlecht und individuellem Risikoprofil entwickelt, beispielsweise der Procam- oder ESC-Score.

Dr. Birgit Aue

Dr. Birgit Aue

NACHGEFRAGT

Frau Dr. Aue, wie definieren Sie den Begriff Prävention?
Dr. Birgit Aue: In der Prävention geht es um vorbeugende Maßnahmen, die geeignet sind, den Eintritt einer Krankheit zu verhindern, zu verzögern oder die Krankheitsfolgen abzuschwächen. Dieses Vorgehen ist wesentlich einfacher und effektiver als nach einer Erkrankung wieder gesund werden zu müssen. Durch Aufklärung und Beratung im Unternehmen werden die Mitarbeiter in die Lage versetzt, Frühstadien von Krankheiten zu erkennen, Gesundheitsrisiken zu vermeiden, ihre Lebensgewohnheiten positiv zu verändern und rechtzeitig professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Maßgeschneiderte kardiovaskuläre Präventionsprogramme, die physische und psychische Gesundheitsfaktoren stärken, leisten einen Beitrag, um die absehbare Entwicklung erfolgreich zu meistern.

Stichwort Lebensstiländerung: Was empfehlen Sie Menschen, die sogenannte Risikofaktoren aufweisen?
Dr. Aue: Das Rauchen aufzugeben, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu mehr Gesundheit. Das kann entweder von jetzt auf gleich geschehen, ist jedoch für viele sehr schwierig. Alternativ lässt sich ein psychologisch begleitetes Entwöhnungsprogramm nutzen, das von vielen Krankenkassen oder Volkshochschulen angeboten wird.

In vielen Fällen kann auch eine Ernährungsumstellung sinnvoll sein. Empfehlenswert ist eine kalorienreduzierte Mischkost mit moderatem Fleischanteil und erhöhtem Fischanteil. Eine individuelle Ernährungsberatung ist hilfreich, um individuellen Besonderheiten Rechnung tragen zu können. „Crashdiäten“ sind zu vermeiden, um dem Muskelabbau und einem JoJo-Effekt entgegenzuwirken. Bei einer Ernährungsumstellung sind positive Effekte auf das eventuell vorhandene Übergewicht, den Zuckerstoffwechsel und den Fettstoffwechsel zu erwarten.

Ausreichende Bewegung ist ein weiterer Aspekt, der in einer Lebensstiländerung Berücksichtigung finden sollte. Optimal wäre ein täglicher 30minütiger Ausdauersport im mittleren Belastungsniveau, sowie ein zusätzliches moderates Krafttraining. Das wirkt sich positiv auf den Blutdruck, den Zuckerstoffwechsel, den Fettstoffwechsel und die negative Stressbelastung sowie das Übergewicht aus.

Entspannungsverfahren haben zudem einen positiven Einfluss auf die psychosozialen Risikofaktoren. Das Erlernen und die Durchführung von Entspannungsverfahren, wie Muskelentspannung nach Jakobson oder autogenes Training, ist empfehlenswert.

Das sind viele Schritte, wie lässt sich in der Praxis eine nachhaltige Umsetzung erreichen?
Dr. Aue: Man kann nicht alles auf einmal ändern! Wichtig ist ein erster Schritt. Wer sich Klarheit über sein Risikoprofil verschafft hat, sollte überlegen, wo für ihn persönlich ein realistischer Änderungsansatz liegt. Sinnvoll ist die Erstellung eines Plans, der festlegt, wann was umgesetzt werden soll. Als Startpunkt ist ein zeitnaher Termin in drei bis vier Tagen zu wählen, und nicht erst in einem Jahr, wenn der Eintritt in die Rente ansteht.

Jeder sollte bedenken, dass die Risikofaktoren sich nicht nur überproportional verstärken, sondern dass das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen den gleichen überproportionalen Rückgang zeigt bei Beseitigung der einzelnen Risikofaktoren.

Wie sehen Sie die Rolle des Unternehmens, sich der Gesundheit ihrer Beschäftigten anzunehmen?
Im Kontext des demografischen Wandels, der älter werdenden Gesellschaft und des Fachkräftemangels ist es für Unternehmen wichtig, vermehrt in die Gesundheit ihrer Beschäftigten zu investieren. Nur wer gesund und stresskompetent ist, kann langfristig leistungsfähig und produktiv sein. Deshalb ist die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen für den Erhalt der körperlichen Leistungsfähigkeit sowie der Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit entscheidend. Besonders betroffene Berufsgruppen können über gezielte betriebliche Präventionsmaßnahmen erreicht werden.

KONTEXT
Die Knappschafts-Klinik in Bad Driburg ist eine überregional anerkannte Rehabilitations- und AHB-Klinik für Herz- und Gefäßerkrankungen (Kardiologie, Angiologie) mit integriertem ambulanten Therapiezentrum. Ambulante Rehabilitationsmaßnahmen, Therapien und Behandlungen auf Rezept lassen sich wohnortnah durchführen. Eine chefärztliche Privatpraxis mit umfangreichen medizinischen Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten, Präventionsprogrammen und Gesundheitspauschalen gehören ebenfalls zum Angebot.

Weitere Informationen: www.knappschafts-klinik-driburg.de