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Ausbau der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen 

Schonung von Ressourcen durch hochwertiges Recycling

Energieeffizienz und Klimaschutz beherrschen seit vielen Jahren die Bau- und Industriepolitik. Bislang wurde viel erreicht: Der Energieverbrauch pro Quadratmeter sank kontinuierlich und Gebäude können heute sogar mehr Energie erzeugen, als sie selbst verbrauchen. Kaum im Fokus der Öffentlichkeit liegt jedoch das Thema Kreislaufwirtschaft im Bauwesen. 

Situation der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen
Allein in Deutschland werden jährlich ca. 550 Mio. Mg mineralische Primärstoffe abgebaut und zur Herstellung von Baustoffen verwendet [1]. Damit ist nach Sobeck [2] die Bau- und Baustoffindustrie in Deutschland z. B. verantwortlich für 60 % des Ressourcenverbrauchs. Schätzungen zeigen, dass sich mittlerweile, bezogen auf das Jahr 2010, allein im deutschen Hochbau ca. 13,8 Mrd. Mg mineralische Baustoffe, wie z. B. Ziegel und Beton, ca. 330 Mio. Mg Holz und insbesondere 890 Mio. Mg Metalle befinden [3]. Durch weiteren Zubau wird dieses Lager Schätzungen zur Folge bis 2025 noch um weitere 20 % wachsen.

Prof. Dr.-Ing. Sabine Flamme

Prof. Dr.-Ing. Sabine Flamme, FH Münster, FB 6, IWARU, Arbeitsgruppe Ressourcen

Vor dem Hintergrund knapper und teurer werdender Ressourcen kommt damit den in Gebäuden und Infrastruktureinrichtungen geschaffenen Lagerstätten eine wachsende Bedeutung für die Ressourcenbereitstellung zu. Die hier vorhandenen Potenziale an Wertstoffen können durch gezielte Rückbaumaßnahmen als urbane Mine genutzt werden.

Entsorgungssituation
Betrachtet man die derzeitige Entsorgungssituation im Baubereich, so stellen die beim Neu-, Um- und Rückbau von Gebäuden anfallenden Bauabfallmengen in Deutschland mit ca. 202 Mio. Mg/a [4] mengenmäßig den größten Abfallstrom bezogen auf die Gesamtabfallmenge in Deutschland dar. Nach dem aktuellen Monitoring-Bericht der Initiative Kreislaufwirtschaft Bau für das Jahr 2014 wurden in Summe ca. 89,5 % dieser Abfälle verwertet [4].

Formal wird damit die auf nationaler Ebene ab 2020 geltende Recycling-Quote von > 70 % deutlich überschritten. Eine hochwertige stoffliche Verwertung der Baurestmassen im Hochbau ist damit im Regelfall aber nicht verbunden. Während Baustellenabfälle zum Teil in Müllverbrennungsanlagen energetisch verwertet werden, handelt es sich im Regelfall bei der Verwertung des mineralischen Bauabfalls um Maßnahmen im Straßen- und Landschaftsbau oder die Nutzung auf Deponien bzw. im Bergbau als Verfüllmaterial [4].

Bedingt durch die zunehmende Verwendung multifunktionaler Bau- und Werkstoffe, gestalten sich der Rückbau und die Rückgewinnung (hochwertiger) Sekundärrohstoffe für die Abbruch- und Recyclingunternehmen immer schwieriger. Verschärft wird diese Problematik durch die Endlichkeit des Deponieraums und die sich abzeichnende Entwicklung bei der Festlegung von Grenzwerten für die Verbringung von Recyclingbaustoffen im Straßen- und Landschaftsbau (Ersatzbaustoffverordnung). Somit stehen diese Verwertungsoptionen mittelfristig nicht oder nur noch begrenzt zur Verfügung.

Recyclinghemmnisse bei Bau- und Rückbaumaßnahmen
Bau- und Rückbaumaßnahmen sind dadurch gekennzeichnet, dass eine Vielzahl unterschiedlicher und verantwortlicher Akteure der verschiedenen Handlungsebenen (Planer, Bauunternehmen, Baustoffproduzenten, Rückbauunternehmen) mit unterschiedlichem Aufgabenumfang und -tiefe (z. B. Generalunternehmer oder Teilgewerk) eingebunden sind.

Bislang wird der Recyclinggedanke bei der Planung von Gebäuden noch unzureichend berücksichtigt.

Recyclinghemmnisse

Die Akteure auf den unterschiedlichen Handlungsebenen sind bemüht, Lösungsansätze zu entwickeln. Es handelt sich hierbei jedoch noch um Einzelaktivitäten, z. B. der europäischen Gipsindustrie mit dem Anfang 2013 gestarteten Vorhaben „GtoG (Gypsum to Gypsum) – From production to recycling“ oder das von Systemanbietern und Strangpresswerken von Bauprofilen angebotene Rücknahmesystem für Aluminium (AUF) [5], [6].

Einzelne Initiativen sollten zu einem ressourcenschonenden Gesamtkonzept zusammenwirken und ausgebaut werden Zudem ist eine interdisziplinäre Planung und Bewirtschaftung entlang des Lebenszyklus von Bauwerken zukünftig nötig.

IR Bau

Vor diesem Hintergrund hat sich die Initiative Ressourcenschonende Bauwirtschaft (kurz: IRBau, Internetpräsenz ist in Vorbereitung) gegründet. Sie ist eine unabhängige Allianz der Bauwirtschaft mit Mitgliedern aus Industrie, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.

Generelles Ziel der IRBau ist die nachhaltige Nutzung der Ressourcen durch Umsetzung einer echten zirkulären Wertschöpfung im Bauwesen. Dies umfasst geeignete Produkte mit definierten Recyclingprozessen und umweltfreundlichen Inhaltsstoffen ebenso wie den gesamten Lebenszyklus von Gebäuden von der Planungsphase bis zum Rückbau einschließlich der Verwertung eingesetzter Materialien auf hohem Qualitätsniveau. Zur generellen Zielsetzung der IRBau zählt auch die kommunikative Aufklärung verschiedener Anspruchsgruppen in Wirtschaft und Gesellschaft.

Operative Ziele der IRBau sind:

    • Berücksichtigung des Recyclingpotentials von Baustoffen und Bauprodukten in der Gesamtbilanz eines Gebäudes.
    • Wiedereinführung der Modul-D-Bewertung im BNB-System sowie die Schaffung verbindlicher Regeln und Rahmenbedingungen durch BMUB und BMWi, insbesondere die verpflichtende Ausweisung aller Module in Umweltproduktdeklarationen (EPD-Daten).
    • Bevorzugter Einsatz von Produkten mit hohem Recyclingpotenzial für eine gute Gesamtbilanz.
    • Fokussierung auf Material-Ressourcen (Rohstoffverfügbarkeit) und Ökobilanzierung (Klimaschutz).
    • Nachhaltige Produkt- und Gebäudegestaltung mit eindeutig gekennzeichneten Materialien bei Bauprodukten für optimierte Recycling-Prozesse.
    • Umfassende Information von Verbrauchern und Investoren zu Recycling, zirkulärer Wertschöpfung und Materialbedeutung in der Bauwirtschaft.
    • Monetäre und normative Förderung von Recycling und zirkulärer Wertschöpfung etwa durch „Recycling-Gebäudepässe“ oder „Material-Gebäudeausweise“ und verpflichtende EPD. [7]

Die „Initiative Ressourcenschonende Bauwirtschaft“ (kurz: IRBau) hat sich mit einer gut besuchten Konferenz am 31.5. in Berlin erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Inhaltlich ging es um den Ausbau der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen, nach der Energieeffizienz das große Zukunftsthema für mehr Klimaschutz und den effizienten Einsatz knapper Ressourcen (siehe z. B.: Information: https://www.fh-muenster.de/iwaru).

Gründungsmitglieder der IRBau sind:

    • Rolf Brunkhorst, Schüco International KG
    • Prof. Dr.-Ing. Sabine Flamme, Fachhochschule Münster
    • Annette von Hagel, PKS Kommunikations- und Strategieberatung GmbH
    • Prof. Dipl.-Ing. Annette Hillebrandt, Bergische Universität Wuppertal
    • Thomas Lauritzen, Schüco International KG
    • Walter Lonsinger, Vorsitzender des Vorstands des A|U|F e.V.
    • Anja Rosen, agn Niederberghaus & Partner GmbH
    1. [1] Bundesverband Baustoffe – Steine und Erden e.V. (2015) , Rohstoffe, http://www.baustoffindustrie.de/cms/website.php?id=/de/themen/rohstoffe.htm, abgerufen: 14.06.2015
    2. [2] Sobek, W. (2013):- Den Gesetzen der Physik und dem Wohle der Menschen dienen, Deutsches Ingenieurblatt, Ausgabe Juli/ August 2013, S. 10 – 13
    3. [3] Schiller et al (2015): Kartierung des anthropogenen Lagers in Deutschland zur Optimierung der Sekundärrohstoffwirtschaft; Herausgeber: Umweltbundesamt; Publikationen als pdf: http://www.umweltbundesamt.de/publikationen/kartierung-des-anthropogenen-lagers-in-deutschland; Dessau-Roßlau, Oktober 2015
    4. [4] Kreislaufwirtschaft Bau (2017), Mineralische Bauabfälle Monitoring 2014, Bundesverband Baustoffe Steine und Erden e. V., Berlin 2017
    5. [5] URL: http://www.gips.de/fileadmin/user_upload/download/recyclinggips/Marlet_
      Recyclingtage.pdf, abgerufen 30.05.2017
    6. [6] URL: https://www.a-u-f.com/fileadmin/redaktion_auf/content/PDFs/2016-02_ AUF_Praesentation.pdf,  aufgerufen 30.05.2017
    7. [7] Initiative Ressourcenschonende Bauwirtschaft, Recycling und Zirkuläre Wertschöpfung Vorstellung der Initiative: Aufgabe, Zielsetzung und Positionierung, Exposé 28.4.2017, unveröffentlicht